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Archive für 3.4.2010
Der Turm wird zum Bild
3.4.2010 by dirkschwarze.
Ein Turm verwandelt sich in ein Bild: Auf den gelben Anstrich des Zwehrenturms werden rundum in unterschiedlichen Größen Spielkartensymbole aufgemalt, Karo und Herz in Rot, Pik und Kreuz in Schwarz. Dazwischen tauchen Schriftbilder auf, zusammengesetzte Begriffe wie Ostlohn und Neuteilung, Geweberest und Genkopie, Fettlebe und Wärmefalle oder Irrtumsrecht und Entenschlaf.
Der Zwehrenturm gewinnt ein heiteres Gesicht. Vollends wird dies gelten, wenn die Turmspitze mit acht Fahnenmasten und langen, schmalen Wimpeln gekrönt sein wird. Auf diese Weise wird der Turm, der ein gotisches Stadttor krönt, seiner ursprünglichen Bedeutung wieder nähergebracht.
Der Düsseldorfer Künstler Lothar Baumgarten (Jahrgang 1944), der den Zwehrenturm für seinen documenta-Beitrag auswählte, entwickelt seine Arbeiten im Dialog mit der Architektur. Der Gedanke an das einst bewachte Stadttor brachte ihn auf die Idee, die vertrauten Spielkartenmotive als Symbole für die Stadtwache und das Gewinnen und Verlieren auf die Turmwände zu bringen. Mit diesen Spielkartensymbolen schiebt er eine heiter wirkende Folie über sein Sprachspiel, das er auf dem Turm treibt: Die Begriffe, die Baumgarten auftragen läßt, verwirren, weil sie fremd und vertraut zugleich sind und weil sie zum Teil künstlich und widersprüchlich wirken. Baumgarten hat sie sämtlich Zeitungs- und Zeitschriftenberichten entnommen. Indem er sie, aus dem Zusammenhang gelöst, uns wieder vorsetzt, will er uns einhalten und nachdenken lassen - über die Sprache und über die Art und Weise, wie wir mit den Menschen, der Natur und den Dingen umgehen.
„Entenschlaf“ nennt Baumgarten programmatisch seine Arbeit: Wie die Enten den Kopf unter die Flügel stecken, so verschließen seiner Meinung nach die Menschen die Augen vor der unliebsamen Wirklichkeit. Wie Spielkarten hat Baumgarten die Begriffe aufgemischt, darauf hoffend, daß die Betrachter ihre Karten ziehen und selbst die passenden Folgen herausfinden. Baumgartens Arbeit setzt sich übrigens im gegenüberliegenden Naturkundemuseum fort, wo er in sein Begriffs- und Symbolspiel Ausstellungsstücke des Museums (bedrohte Vögel) mit einbezieht, um den Umgang mit Natur sinnfällig zu machen.
Baumgarten, der hierzulande in der Kunstszene wenig präsent ist, dafür im Ausland um mehr, ist ein Künstler, der kulturkritisch arbeitet. Seine Arbeitsmethodik hat er aus Grammatik der Moderne geleitet. Doch die Form ist ihm vor allem Mittel, um hinzuweisen, anzuregen und aufzuarbeiten. So hatte er 1982 zur documenta einen schlichten Gedenkstein für den Weltreisenden, Schriftsteller, Naturforscher und Revolutionär Georg Forster anfertigen lassen und damit dazu beigetragen, dass die
Erinnerung an Forsters Wirken in Kassel wieder bewußter gemacht wurde. Da es ihm um die Sache selbst geht, arbeitet er heute noch daran, Forsters Werk und Persönlichkeit in der hiesigen Öffentlichkeit noch faßbarer werden zu lassen.
Mit einer anderen Arbeit hatte er 1982 ein Monument für die indianischen Urvölker in Südamerika gesetzt. Auch dieses Projekt ist für ihn nicht abgeschlossen: Wenn er Ende Jahres das ganze Guggenheim Museum in New York für eine Ausstellung erhält, wird er (zum Kolumbus-Jahr) die riesige Spirale des Museums in ein Denkmal für alle Urvölker beiden amerikanischen Kontinente verwandeln.
HNA 23. 5. 1992
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