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Archive für 4.1.2012
In der Welt der Schattenbilder
4.1.2012 by dirkschwarze.
Erste Theateraufführung der Documenta 11: „Confessions of Zeno“ von William Kentridge
Der Südafrikaner William Kentridge (Jahrgang 1955) gehörte mit seinen gezeichneten Animationsfilmen zu den großen Entdeckungen der documenta X. Nun eröffnete Kentridge, der auch dieses Mal in der Ausstellung vertreten ist, das Veranstaltungsprogramm der Documenta 11 mit seiner multimedialen Theaterproduktion „Confessions of Zeno“ (Bekenntnisse des Zeno), deren Premiere im Schauspielhaus des Kasseler Staatstheaters begeistert gefeiert wurde.
Es hat vielfach Versuche gegeben, den Gestaltungsraum der Bühne durch Film und andere Projektionen zu erweitern. Sie waren nur selten überzeugend. William Kentridge aber gelingt es, genau jene Schnittstelle zu finden, an der sich Schauspiel und Oper, Puppenspiel, Projektion und Animationsfilm so ergänzen, dass sie ein unauflöslich Ganzes bilden. Die Zuschauer werden in ein konventionelles, langsam laufendes Bühnengeschehen hineingezogen, das durch die Projektionen eine dahinter liegende Bildwelt erhält, in der im beschleunigten Rhythmus Gedanken und Erzählungen illustriert werden. Zur realen Ebene gesellt sich eine surreale, die Einblicke in die innere Welt der Personen, insbesondere der Hauptfigur Zeno (Dawid Minnaar) ermöglicht.
Die Fabel zu seiner Theaterproduktion hat Kentridge in Italo Svevos Roman „Coscienza di Zeno“ gefunden, der 1923 erschien. Der Roman erzählt von einem Mann, der sich selbst analysieren soll, weil er sich und seine Situation zwar genau durchschaut, aber unfähig ist, daraus die richtigen Handlungen abzuleiten. Zeno, der sich und die Welt aufs Beste wahr nimmt, scheitert, weil er für seine Handlungen daraus nicht die richtigen Konsequenzen ziehen kann. Passiv registriert er die Vorgänge in der Welt, wie gelähmt schaut er zu, als sein Vater stirbt oder er sucht unter drei Schwestern genau die Frau aus, die er nicht liebt.
Ihre Faszination gewinnt die Inszenierung dadurch, dass sie ihre Mittel offen legt und man förmlich auf und hinter die Bühne blicken kann. Während im linken Bühnenraum die Schauspieler und Sänger agieren, sitzen rechts vier Streicher (The Sontonga Quartet), die mit ihrer meist dramatisch hektischen Musik (Kevin Volans) den Rhythmus für die Projektionen vorgeben, die auf der großen Wand über dem Bühnengeschehen zu sehen sind. Kentridge hat diese Projektionen, zu denen er gezeichnete Hintergrundbilder schuf, in Zusammenarbeit mit der Handspring Puppet Company als Schattenspiel angelegt. Fantasiegeschöpfe auf Spinnenbeinen, Baummenschen und ausgefranste Körper wandern durch Landschaften und Räume. Die Schattenspieler mit ihren surrealen Handpuppen, die aus gefundenen Gegenständen zusammengesetzt sind, arbeiten aber nicht im Verborgenen, sondern sind rechts im Hintergrund als Akteure sichtbar.
So blickt man gleichzeitig auf vier Ebenen und wird durch die Bilder, die Worte, die Musik und den Gesang in das zauberhafte und bedrückende Labyrinth der Gedanken und Empfindungen des Mannes entführt, der sich zu erkennen versucht und der, obwohl er weiß, dass er sich der zerrissenen Wirklichkeit stellen müsste, auf sich bezogen bleibt. William Kentridge hat die Geschichte auf das Südafrika der 80er-Jahre übertragen, in denen noch die Politik der Rassentrennung (Apartheid) herrschte. Die zuweilen kurios wirkende Denk- und Handlungsweise Zenos gewinnt dadurch eine bittere und bedrohliche Dimension. Und wenn am Ende auf der Projektionswand die Schreckensbilder aus dem Ersten Weltkrieg als Film in schnellen Schnitten ablaufen, dann wird die Allgegenwart des Schreckens unübersehbar.
Die Produktion besticht zuerst einmal durch die grandiose Bilderwelt von Kentridge, der in schneller Folge Animationsbilder, Puppenspiel, Film und Zeichnung wechseln und dabei Erlebnis und Reflexion verschmelzen lässt. Sie überzeugt ebenso durch das reale Spiel, die Musik und die hervorragenden Stimmen (Otto Maidi, Lwazi Ncube, Phumeza Matshikiza). Der begeisterte Beifall galt allen Beteiligten des Teams – vor allem natürlich William Kentridge. (Das Schauspiel Frankfurt zeigt vom 13. bis 19, Juni die Produktion in der Kommunikationsfabrik)
HNA 10. 6. 2002
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