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Wo Goethe nicht nur Nina trifft

Gleich neben dem Stadtschloss von Weimar mit seinen reichen Kunstsammlungen steht eine Häuserzeile; wie man sie in der Dichterstadt sonst hundertfach sieht: Der historische Kern ist noch erkennbar, aber die Spuren des Verfalls haben sich tief eingegraben. An einem dieser Häuser jedoch hängt ein Transparent mit ungelenk gemalter Aufschrift „ACC-Galerie Goethe trifft Nina“.

Wer sich in das Haus hineinwagt, wird durch Plakate und witzige Objekte im ansonsten tristen Treppenhaus in den 1. Stock geführt, wo in zwei einstigen Wohnräumen eine Gruppe von sechs, sieben jungen Leuten seit einem Jahr das „Autonome sei Cultur Centrene (ACC) betreibt. Nachdem die Gruppe herausgefunden hatte, dass Goethe bei seinem allerersten Weimar-Aufenthalt in diesem Haus wohnte und dass 200 Jahre später in eben diesem Haus die damals noch junge Nina Hagen gesungen haben soll, lag für sie der Name der Galerie auf der Hand.

Die nicht nur für DDR-Verhältnisse alternative Galerie will ein Treffpunkt sein. Hier sollen Bilder gezeigt werden, soll gelesen, diskutiert und Musik gemacht werden. Ursprünglich stellten die jungen Leute nur aus, was ihnen gerade Spaß machte. Jetzt bemühen sie sich um Seriosität: Die ausstellenden Künstler finden sie durch Zuruf – die einen werden ihnen empfohlen, die anderen fragen an. Im Januar war die Ausstellung einer Leipziger Fotografin zu sehen, die Ostberliner mit Westberliner Trostlosigkeiten konfrontierte.

Nur einige hundert Schritte entfernt stößt man am Markt auf eine andere Galerie, die sich ihren Namen noch erarbeiten muss. Hervorgegangen ist das Projekt, aus einem Fußballverein, dessen Mitglieder im Keller des.Hauses Markt 21 einen Freizeitclubraum einrichteten. Wo sich an einer kleinen gemütlichen Bar, erst Freunde zum privaten Plausch trafen, werden nun auch für andere Interessierte kleine Ausstellungen präsentiert oder wird Musik gemacht.„C-Keller” heißt die Galerie, die bald noch andere Räume hinzugewinnen will. Auch hier ist im Moment eine Foto-Ausstellung zum Bau-Elend zu sehen.

Bei der Frage nach einer „Kunstszene in Weimar“ schüttelt der Experte im Schlossmuseum den Köpf. Weimar sei schließlich Provinz. Die jungen Leite sehen das anders, und selbstbewusst drängen sie, da es keine staatlichen Barrieren mehr gibt, in die Öffentlichkeit. Im April wollen die „ACC-Galerie“ und der „C-Keller“ gemeinsam mit der dritten alternativen Galerie („Schwamm“) das Projekt einer Kulturmeile starten. Abseits der Trampelpfade. für Goethe- und Schiller-Pilger wollen sie eine Stadtlinie sichtbar machen, mit deren Hilfe die Probleme von Stadterhalt und -erneuerung aufgezeigt werden. Die drei Galerien wollen dabei mit sich gegenseitig ergänzenden historischen und aktuellen, kritischen Foto- und Kunstausstellungen zum Stadtbild von Weimar aufwarten.

Die Kunstszene in Thüringen kommt in Bewegung. Zwar weiß im Moment niemand, welches Ziel anzusteuern ist, doch sind sich fast alle Interessierten darüber im klaren, dass neue Ufer gesucht werden müssen. So wollen morgen in Erfurt Kunsthistoriker, Künstler und Sammler an verschüttete Traditionen anknüpfen und einen Kunstverein gründen. Der Kunstverein soll dann solche Ausstellungen ermöglichen, die das dortige Angermuseum nicht leisten kann. Ein entscheidender Impuls dazu kommt aus dem Museum selbst
HNA 30. 1. 1990