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Die Nonne im Bordell
Die „Nonne im Bordell”
Das Presse-Echo auf die documenta X ist so lebhaft wie nie zuvor. Heftig wird um die Bewertung gestritten. Und dabei werden extreme Sprach-Bilder bemüht.
„Gelegentlich hat man bei Catherine David, der Leiterin der documenta X, den Eindruck, als sei eine Nonne im Bordell gelandet. Eine Nonne, die mit missionarischem Eifer aus dem Ort des Lasters einen der Tugend machen will.” Dorothee Müller eröffnete mit diesen Sätzen ihre erste Kritik in der „Süddeutschen Zeitung”. In der zweiten Kritik spricht sie von der „Zuchtmeisterin, die uns strenge Exerzitien abverlangt”.
Es ist, als würde der normale Wortvorrat der Kunstkritik nicht ausreichen, wenn von der documenta-Leiterin und ihrer Ausstellung die Rede ist. Religiöse Dimensionen werden bemüht, die „Nonne im Bordell” ist die eine Variante, die andere ist das Bild der Tempelreinigung, das in vielen Kritiken durchscheint.
Die documenta X hilft der in der Routine erstarrten Kritik auf die Sprünge, sie weckt Leidenschaften und provoziert Kontroversen: Die einen halten sie für gescheitert, die anderen meinen, sie werde als Trendwende in die Geschichte eingehen. So unterschiedlich die Standpunkte sind, so einig sind sich alle in der Beurteilung von Catherine David: sie sei un-heimlich konsequent und streng.
Und dieses Gefühl, es hier mit einer ungewohnten Radikalität zu tun zu haben, beflügelt zahlreiche Kritikerinnen und Kritiker zu ungewohnten Vergleichen und Sprachbildern. Catherine David scheint mit den sonst üblichen Maßstäben nicht zu beurteilen zu sein. Dabei stellt sich unwillkürlich die Frage, ob ein Mann, der die documenta X mit gleicher Konsequenz umgesetzt hätte, mit vergleichbaren Attributen bedacht worden wäre. Den Beinamen „Sphinx aus Kassel” hatte sich Catherine David schon vorher eingehandelt, weil sie sich, was Konzept und Künstlerliste anging, in rätselhaftes Schweigen hüllte. Nun stellt die „Westfälische Rundschau” sie als „Schneewittchen” vor, andererseits auch als „strenge Catherine David”. Die „Neue Rhein-Zeitung” nennt sie eine „kühle und kompromisslose Meisterin” mit puristischem Blick. Mit einer großen Verbeugung tituliert die „Augsburger Allgemeine” die documenta-Chefin als „die Gescheite aus Paris”, während „Die Glocke” sie zur „Kassandra” macht.
Warnende Ruferin, Tempelwächterin und Retterin. Bei solchen Vergleichen liegt es nahe, dass auch Frankreichs Nationalheilige herbeizitiert werden muss: In einem Interview nennt FAZ-Kunstkritiker Eduard Beaucamp Catherine David „eine Jeanne d’Arc, die den Kunstbetrieb aufstacheln und reformieren will und dazu nach den vielen üppigen und populistischen Kunstfestivals, nach Orgien von Malerei eine strenge Ideen-Diät verordnet”.
Vor allem das Wort von den „Exerzitien” (geistliche Übungen) hat sich durchgesetzt. Gleich zwei Kritiker bemühen das Bild in ihrer kritischen Auseinandersetzung mit der Skulpturen-Ausstellung in Münster. In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung” heißt es: „Im Vergleich mit den strengen Exerzitien der documenta….”. Und „Die Zeit” schreibt: „Wer von drüben kommt, vom gallischen Exerzitium in Kassel, erlebt hier in Münster die Zeitkunst in wunderlichster Enthemmung.”
Die documenta X also als eine moralische Besserungsanstalt für den Kunstbetrieb? Auf jeden Fall wohl eine Art Missionsstation. Sowohl Gegner wie Befürworter sehen die quasi- religiöse Dimension bei ihrer Bewertung. Mag sein, dass es bisher mehr Verrisse der documenta als bestätigende Kritiken gibt. Unstrittig jedoch ist, dass sich die überwiegende Zahl der Kritiken differenziert auf die Ausstellung einlässt und es oft dem Leser überlassen bleibt, ob er mehr einem positiven oder negativen Urteil zuneigt.
Nachgedruckt in: Meilensteine: 50 Jahre documenta
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