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Was gibt’s?

KUNST-SPLITTER

1. 3. 2010

Markus Müller, Pressesprecher der documenta 13, ist mit dem Begriff Motto nicht ganz einverstanden. Gewiss, Carolyn Christov-Bakargiev sprach in ihrem Vortrag von “title”. Aber den Satz “Der Tanz war frenetisch…” als Titel zu bezeichnen, erscheint etwas kühn.Vielleicht träfe das Wort Leitmotiv besser.

Aber vielleicht braucht man sich gar nicht weitere Gedanken zu machen, da Markus Müller nicht ausschließen will, dass das Zitat, dessen Quelle im Moment nicht bekannt ist, schon morgen für die documenta-Leiterin nicht mehr bindend ist. Dagegen spricht, dass Carolyn Christov-Bakargiev am 17. 2. ihren Vortrag an der Nehru University mit dem Zitat “The dance was very frenetic…” titelte.

28. 2. 2010

Die documenta 13 hat ein Motto. In einem Vortrag im Rahmen der CCA Graduate Studies Lecture Series, CCA, in San Francisco hat Carolyn Christov-Bakargiev den Titel ihrer für 2012 geplanten Ausstellung bekannt gegeben: “Der Tanz war sehr frenetisch, aufbrüllend, gerasselt, klingelnd, verdreht, rollend und dauerte (für) lange Zeit”.

In ihrem in englischer Sprache gehaltenen Vortrag (http://www.youtube.com/watch?v=kzm-4-1pN_U) blendete sie auf der Leinwand dieses Motto (Zitat) in deutscher Sprache ein.

Was wissen wir damit über die kommende documenta? Inhaltlich nichts. Aber atmosphärisch sehr viel. Zum einen lässt dieses Motto erkennen, dass Carolyn Christov-Bakargiev ähnlich wie Rudi Fuchs aus einer poetischen, erzählerisch-bildhaften Haltung an ihre Ausstellung herangeht. Zum anderen spricht daraus, dass die documenta-Leiterin jenseits von Betrachtung und Belehrung das alle Sinne aufrührende Ausstellungserlebnis sucht, die Überwältigung und die Lust an Bildern und Sprache.

Rothenberg Waschhaus Rothenberg Stahlhäuser

An den Anfang ihres Vortrages stellte sie ein Bild der beispielhaften Stahlhäuser in der Kasseler Rothenberg-Siedlung und drei Fragen:
1) Wo sind wir?
2) Wo kommen wir her?
3) Wöhin mögen wir unterwegs sein und warum?.

Diese Fragen sind für ihre kuratorische Arbeit in Kassel wichtig und für den Vortrag selbst, in dem sie im Schnelldurchgang die documenta-Geschichte aufblätterte und in dem sie zuvor ihre Zuhörer mit der Nachkriegssituation der total zerstörten Stadt, die für die Rüstungsindustrie der Nazis von höchster Bedeutung war, vertraut machte. Es zeigt sich, dass je länger der Krieg und die Nazi-Zeit zurückliegen, desto intensiver und nachdrücklicher gehen die documenta-Leiter(innen) darauf ein. Den Anfang hatte übrigens Catherine David gemacht.

Interessant war der Hinweis, dass in der documenta 1955 die Italiener deshalb so stark vertreten gewesen seien, weil Bodes Mitstreiter Werner Haftmann damals in Venedig gelebt habe. Allerdings war mit 28 von 148 Künstlern der Anteil der Italiener nicht so hoch, wie der Vortrag nahezulegen schien. Im Zusammenhang mit den ersten documenta-Ausstellungen brachte Carolyn Christov-Bakargiev auch wieder die Unterstellung ins Spiel, die documenta der Anfangsjahre, inbesondere von 1959, sei ein kultureller Arm des CIA gewesen.

Bei der Ableitung des Namens documenta aus dem Lateinischen legte Carolyn Christov-Bakargiev das englische Wort teaching (be-lehren) nahe. Doch ursprünglich ging es bei der Wortwahl um das Dokumentieren, um das Aufzeigen dessen, was ist.

II. documenta

Bemerkenswert an dem Vortrag war, dass die Kuratorin, wenn sie über einzelne Bilder oder eine documenta sprach, immer den Bezug zu den parallelen politischen und gesellschaftlichen Ereignissen herstellte. Sehr ausführlich ging sie auf das Foto von der documenta 1959 ein, mit dem sie sich schon in Turin beschäftigt hatte (siehe auch: 17. 2. 2010).

Das Denken, das in der Kunst zwischen Zentrum und Peripherie unterscheidet, hält die documenta-Leiterin für überholt. Am Beispiel eines Performance-Künstler aus Singapur, der nach London geht, um dann mit seinen europäischen Erfahrungen in seine Heimat zurückzukehren, erläuterte sie, wie sich die Relationen verschoben haben.

Carolyn Christov-Bakargiev wehrt sich gegen die Ansicht, sie wähle für ihre Ausstellung aus. Vielleicht hängt diese Abwehr mit dem politisch vorbelasteten Begriff selektieren/Selektion zusammen. Nein, sie wähle nicht aus, sondern bringe Menschen und Objekte zusammen. Die Arbeit an dem Projekt documenta ist für sie ein Prozess, an dem viele beteiligt sind - Kuratoren, Denker und selbst Verwandte wie ihre Tochter.

27. 2. 2010

Zur Erinnerung: Am Sonntag, 28. 2., ist um 15 Uhr in Bayern 2 das Hörspiel “Auressio” zu hören, das die Künstlerin Ingeborg Lüscher und Peter Moritz Pickshaus auf der Grundlage von Gesprächsprotokollen geschrieben haben und das Nikolai von Koslowski als Regisseur produziert hat.

In dem Hörstück geht es um jenen Eigenbrötler Armand Schulthess (A.S.), der das Wissen der Welt auf Stichwörter reduziert und auf Tafeln in seinem Wald präsentiert hatte. Ingeborg Lüscher hatte den Eigenbrötler aufgespürt. Erst wollte der Mann die Künstlerin mit Steinen vertreiben, schließlich ließ er sie ein. Ingeborg Lüscher hatte die Dokumentation der Welt des A.S. Harald Szeemann bei einem Besuch in Kassel gezeigt, der dann die Arbeit in die documenta 5 aufnahm. Lüscher und Szeemann hatten sich bei der Gelegenheit verliebt und waren ein Paar geworden. Die Dokumentation übernahm Szeemann schließlich in sein Projekt “Der Hang zum Gesamtkunstwerk”. Schulthess übrigend starb noch in dem documenta-Jahr 1972.

Nun also wird die Geschichte wiederbelebt und akustisch vorgetragen. Das ungleiche Paar des verrückten Einsiedlers Schulthess und der jungen Künstlerin Ingeborg Lüscher spielen Franz Rueb und Katja Bürkle.

17. 2. 2010

Carolyn Christov-Bakargiev Im Dezember 2008 ist Carolyn Christov-Bakargiev zur künstlerischen Leiterin der documenta 13 berufen worden. Am 9. 6. 2012 soll diese documenta eröffnet werden. Das heißt: Ein Drittel der Vorbereitungszeit ist um.

Was wissen wir von der kommenden Ausstellung? Wie zu erwarten war, lässt sich die künstlerische Leiterin ebensowenig in ihre Karten schauen, wie es ihre Vorgänger hielten. Gleichwohl gibt Carolyn Christov-Bakargiev immer wieder Hinweise, die erkennen lassen, in welcher Richtung sie denkt und empfindet und welche Künstler ihr wichtig sind.

II. documenta

So hatte sie im Zusammenhang mit der documenta-Tagung im Castello di Rivoli ein Foto von 1959 reproduzieren lassen, das äußerst beiläufig und zufällig schien, das aber den sinnlichen Zugang der documenta-Leiterin zur Kunst bezeugte. Das Foto zeigt eine Frau und einen Mann, die gegenläufig durch den Raum gehen, in dem kleine Plastiken von Julio Gonzalez zu sehen sind. Während die Frau auf die Kunstwerke schaut, wenden sich die Augen des Mannes offenbar den Beinen der Frau zu, denn sie geht mit nackten Füßen durch die Ausstellung.

Jetzt hat man die Möglichkeit, ein paar bemerkenswerte Hörstücke zu hören beziehungsweise Videos zu sehen, die Carolyn Christov-Bakargiev ausgesucht hat. Die Liste der zehn Filme und Hörstücke hat die documenta-Leiterin für www.ubuweb.com zusammengestellt. Ubu Web ist ein Dienst, der nicht kommerziell arbeitet und es sich zum Grundsatz gemacht hat, konkrete Poesie, Avantgarde-Texte und Klangstücke sowie Künstler-Videos zugänglich zu machen - ganz gleich, ob das Einverständnis der Urheber vorliegt oder nicht. Seit September 2006 wird jeden Monat ein Gast aufgefordert, seine Empfehlungen für hörens- und sehenswerte Werke zusammenzustellen. Für Januar 2010 war Carolyn Christov-Bakargiev eingeladen. Hier ist ihre Liste (die Links dazu sind bei www.ubuweb.com oder unter www.documenta.de zu Finden):

Featured Resources:
January 2010
Selected by Carolyn Christov-Bakargiev (http://www.ubu.com/resources/feature.html)

1. [listen] Gertrude Stein - If I Told Him: A Completed Portrait of Picasso (1934-35) (Stein page on Ubu)
2. Paul Chan - Untitled Video on Lynne Stewart and Her Conviction, The Law, and Poetry (2006)
3. Maya Deren - A Study in Choreography for Camera (1945)
4. [listen] Forough Farrokhzad - Radio Tehran Sessions (1962-1964) (Farrokhzad page on Ubu)
5. [listen] Canada Inuit Games and Songs - Katajjaq (Inuit page on Ubu)
6. [listen] John Cage - Mushroom Haiku, excerpt from Silence (1972/69) (from The Dial-A-Poem Poets LP)
7. Dara Birnbaum - from “Damnation of Faust Trilogy” (1983)
8. Tacita Dean - Kodak (2006)
9. Dan Graham - Performer/Audience/Mirror (1975)
10. Jacques Lacan - Télévision

Über www.documenta.de hat man übrigens auch Zugang zu allen Video-Aufzeichnungen von der documenta-Konferenz im Castello di Rivoli. Außerdem findet man dort einen Blog zu den Unruhen im Iran nach den jüngsten Wahlen.

16. 2. 2010

In dem Jahr, in dem ihn der Tod ereilte, bot Arnold Bode (1900 - 1977) noch einmal seine ganze Kraft, Energie und Kennerschaft auf, um den Traum, den er seit Jahren träumte, in die Wirklichkeit umsetzen - zu einer documenta eine Ausstellung im Oktogonschloss unter dem Herkules zu realisieren. Für sein Oktogon-Projekt hatte Bode eine Künstlerliste aufgestellt, er hatte die Finanzierung durchgerechnet, er sah das Ziel vor Augen, musste dann aber doch kapitulieren.

Vor allem fehlte das Geld. Aber selbst wenn er das Geld zusammenbekommen hätte, hätten die Schwierigkeiten erst richtig begonnen, denn diese Kunstschau wäre eine Neben- oder Gegen-documenta geworden, weil sie nicht aus dem Team von Manfred Schneckenburger vorbereitet worden wäre, sondern von dem nahezu ausgebooteten documenta-Gründer. Außerdem hätte noch sorgfältig geprüft werden müssen, ob das Oktogonschloss in dem damaligen Zustand überhaupt für die Öffentlichkeit freigegeben worden wäre.

Oktogon 1 Oktogon 2 Oktogon 3 Oktogon 4

Trotzdem bleibt die Tatsache, dass das Oktogon für eine documenta ein faszinierendes Gebäude wäre. Schon im Sommer 1959 hatte Bode in einem Text für die Stadt mit Blick auf eine dritte documenta geschrieben: “…. Die Plastik aber fände ihren Platz in dem grandiosen, mehrstöckigen Gewölbebau des Oktogon. Dieser phantastische Bau mit seinen zyklopischen Mauern, mit den überhohen Gewölben, seiner verwinkelten Umgänge, mit dem bestürzenden Schacht seines Inneren, den überwölbten Terrassenm den offenen Bögen nach innen und außen, dem Blick auf die dunklen Mauermassen wie auf die helle Landschaft böte eine Raumsituation, wie sie für die zeitgenössische LPlastik erregender nicht zu finden wäre….”

Diese Vision wartet bis heute auf ihre Umsetzung. Eine documenta oder vergleichbare Schau im Oktogon - unter dem Herkules und mit Blick auf das Tal, in dem Kassel liegt, wäre die Krönung.

Prof. Heiner Georgsdorf, Schüler und Mitarbeiter Bodes, später Lehrer an der Kunsthochschule Kassel und Vorsitzender des Kasseler Kunstvereins, hatte für die Kandidatur Kassels als Kulturhauptstadt (2010) Bodes Vision aufgegriffen und einen konkreten Ausstellungsvorschlag ins Gespräch gebracht. Mit dem Scheitern der Bewerbung starb vorerst auch der Plan.

Jetzt hat Georgsdorf das Oktogon erneut als Ausstellungsort ins Gespräch gebracht. In einem Brief an Kassels Oberbürgermeister Bertram Hilgen, der jetzt auch Kulturdezernent ist, regt er an, zum Stadtjubiläum im Jahre 2013 eine Oktogon-Ausstellung zu planen - etwa mit Daniel Birnbaum als Kurator.

Die Vorausstezungen sind jetzt insofern günstiger als früher, als derzeit das Herkulesbauwerk saniert wird und das Oktogon für die Öffentlichkeit geöffnet werden soll. Es könnte also gelingen.

Auch wenn documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev für ihre eigene Ausstellung das Oktogon nicht ins Kalkül ziehen wollte, könnte man wetten, dass dann, wenn erst einmal das Oktogon Ausstellungsplatz war, dieser Ort immer wieder belegt wird.

13. 2. 2010

Es ist schon lustig, zu sehen, wer sich alles auf die documenta bezieht oder sich gar mit ihr vergleicht. Jetzt übernahm Bild in Frankfurt eine dpa-Meldung über die Jahresausstellung an der Städelschule, in der bis Sonntag Abend 180 Studenten ihre Arbeiten zeigen.

Wenn man von der Ausstellung als einem dreitägigen Spektakel in der Städelschule liest, kann man von der Qualität des Berichtes nicht viel erwarten. Der Autor allerdings legt mit Hilfe eines Zitats von Städelschul-Direktor Daniel Birnbaum die Messlatte sehr hoch. Denn demnach hat Birnbaum mit Blick auf die 180 Teilnehmer gesagt: “Wir sind damit ein bisschen größer als die Documenta und so die größte Ausstellung in Hessen”. Ernst kann das Birnbaum nicht gemeint haben. Oder?

Man will nicht recht glauben, dass der Mann, der im vorigen Jahr Vendigs Biennale verantwortet hat, auf die Magie der Größe setzt. Da braucht er nur zu warten, bis am Ende des Sommersemesters die Kunsthochschule Kassel ihren “Rundgang” (Semesterschluss-Ausstellung) macht, die mindestens ebenso viele Teilnehmer wie jetzt Frankfurt hat. Nur dort käme niemand auf die Idee, aufgrund der Zahl sich mit der documenta zu vergleichen.

12. 12. 2010

Eine eindrucksvolle Veranstaltung des Landes Hessen im Kasseler Opernhaus-Foyer zur Welterbe-Anmeldung des Bergparks Wilhelmshöhe mit Herkules und Wasserspielen. Insbesondere die Vorträge zur Wassertechnik und zum Bau der Herkules-Figur aus Kupferblech enthielten zahlreiche neue Details.

Herkules Bergpark Oldenburgs Spitzhacke

Unterstützt wurde die Veranstaltung durch den Runden Tisch der Kulturgesellschaften und vornehmlich durch die “Bürger für das Welterbe”. Die “Bürger für das Welterbe” hatten zu diesem Anlass eine kleine Broschüre herausgegeben, in der das Unesco-Welterbe (samt Antragsverfahren) beschrieben wird, die Besonderheiten des Bergparks im Sinne der Unesco erläutert werden und das Bürger-Engagement dokumentiert wird.

Sehr schön, möchte man sagen, doch dann stößt man auf ein Anzeichen einer alten Krankheit. Völlig zusammenhanglos und in der Sache unbegründet ist der letzte Beitrag betitelt: “Documenta alle fünf Jahre, Welterbe jeden Tag - Wir wollen Welterbe werden”. Was soll dieser Versuch, die eine Sache gegen die andere auszuspielen, zumal das eine mit dem anderen nichts zu hat? Können es die Autoren nicht verkraften, wie es einmal in der Expertenkommission zum Welterbe hieß, dass die documenta schon eine Weltmarke ist, der Bergpark es erst noch werden will? Warum will man auf diese Weise die Freunde der documenta ausgrenzen, die sich eigentlich für den Bergpark als Welterbe einsetzen und die mit Vergügen an die Spitzhacke von Claes Oldenburg an der Fulda denken, die nach Darstellung des Künstlers Herkules dorthin geschleudert haben könnte? Außerdem ist aus Kasseler Sicht documenta ein Dauerprojekt und nicht bloß ein Ereignis, das alle fünf Jahre stattfindet.

11. 2. 2010

Je länger die documenta 12 zurückliegt, desto klarer wird, wie wichtig zu diesem Zeitpunkt die Teilnahme des chinesischen Konzept-Künstlers Ai Weiwei war. Vor allem der Teil seines Projektes “Fairytale”, durch den während der documenta 1001 Chinesen für jeweils eine Woche nach Kassel kommen konnten, war nicht nur künstlerisch faszinierend, sondern vor dem Hintergrund der Diskussion über Menschen- und Freiheitsrechte in China äußerst brennend. In den am Ende der documenta gezeigten Filmen über die Vorbereitung des Projektes wurde sichtbar, dass in vielen Fällen der erfolgreiche Kampf um die Ausreisegenehmigung mehr wog als die Reise selbst.

Durch seine documenta-Teilnahme wurde Ai Weiwei nicht bloß ein Star am europäisch-amerikanischen Kunsthimmel, sondern sicherte der Künstler in der chinesischen Öffentlichkeit eine Position, die nicht so leicht angreifbar ist. Zwar wurde Ai Weiwei im August 2009, als er am Prozess gegen den mit ihm befreundeten Bürgerrechtler Tan Zuoren teilnehmen wollte, von einem Polizisten so stark geschlagen, dass er sich in München wegen einer Gehirnblutung operieren lassen musste, auch wurden von den Behörden seine Internetseiten gesperrt, doch kann er (bisher) immer wieder öffentlich auftreten und seine Kritik am chinesischen System äußern.

Ai Weiwei Studenten in Kassel Fairytale Template

Nachdem jetzt Tan Zuoren zu fünf Jahren Haft verurteilt worden ist, sagte Ai Weiwei laut dpa: “Dieser Fall enthüllt, dass Diktatur und Autokratie unter den Bedingungen der Führung der Kommunistischen Partei eine tödliche Krankheit sind.” Tan hatte - ähnlich wie Ai - dokumentieren wollen, dass bei dem Erdbenen im Mai 2008 mehr als die Hälfte der verstorbenen 5000 Schulkinder deshalb ums Leben kam, weil die Schulen so schlampig gebaut gewesen worden seien. Offiziell wurde Tan wegen seiner Berichte über die blutige Niederschlagung der Demokratiebewegung im Jahre 1989 verurteilt.

In einem heute erschienenen Artikel für das “Wall Street Journal” beklagt Ai Weiwei, dass in China die Unterdrückung der Meinungsfreiheit (das Zensursystem) sich auf alle Bereiche der Medien ausgeweitet habe. Der Künstler und Menschenrechtler nimmt das als einen Beweis dafür, wie wenig Vertrauen die Führung in ihre eigene Ideologie und in die Kontrolle der Öffentlichkeit hat. In diesem Zusammenhang lobt Ai die Entscheidung von Google, sich nicht dem chinesischen Zensursystem zu unterwerfen, als ein deutliches Signal für die Chinesen und die Welt - die Unterdrückung der Meinungsfreiheit zur Kenntnis zu nehmen.

Ai Weiweis grundsätzliche Haltung und seine jüngsten Stellungnahmen auf der einen Seite und die Verurteilung von Tan Zuoren auf der anderen zeigen, wie notwendig es ist, die Entwicklung in China kritisch zu beobachten und zugleich die Bürgerrechtler zu unterstützen. Deshalb erscheint die Entscheidung, Ai Weiwei im Herbst in Kassel mit dem “Glas der Vernunft” auszuzeichnen, als geradezu ideal und notwendig.

9. 2. 2010

Das derzeit originellste und kreativste Ausstellungsforum ist die Temporäre Kunsthalle, die in Berlin-Mitte am Rande des Platzes steht, auf dem in den nächsten Jahren das abgerissene Berliner Schloss annähernd wiederaufgebaut werden soll. Schon jetzt muss man bedauern, dass die Kunsthalle als Experimentierbühne nur bis zum Spätsommer als Bühne zur Verfügung stehen soll.

Es sind nicht unbedingt die besten oder schwergewichtigsten Ausstellungen, die in der Kunsthalle gezeigt werden, aber es sind die außergewöhnlichsten. Beispielsweise hatte die Konzeptkünstlerin Karin Sander vom 5. Dezember bis 10. Januar unter dem Titel “Zeigen” in der Kunsthalle eine Ausstellung arrangiert, in der es nichts zu sehen, sondern nur per Audio-Guide etwas zu hören gab. Karin Sander hatte 566 in Berlin lebende Künstler um einen Audio-Beitrag von zwei Minuten Länge gebeten. Die einen erläuterten ihre Arbeitsweise und künstlerische Position (wie Klaus Staeck), die anderen produzierten Klangbilder (wie Julius).

Zeigen 1 Zeigen 2

Der Ertrag war nicht umwerfend, und in vielen Fällen war man dankbar, dass die Künstler normalerweise mit bildnerischen Mitteln arbeiten, weil sie im Audio-Bereich nicht überzeugen konnten. Dennoch war die Ausstellung ein aufregendes Erlebnis, wenn man die gesamte leere Halle und das Verhalten der Besucher im Blick hatte: Um den Besuchern eine Orientierung zu geben, war in Augenhöhe ein winziges Schriftband zu sehen, auf dem man, alphabetisch geordnet, die Namen der Künstler und die Codenummern ihrer Audio-Beiträge lesen konnte. Das hatte zur Folge, dass die Besucher ganz dicht vor die Wände traten, die Namen und Nummern suchten um dann konzentriert in sich hineinzuhören. Aus der Entfernung entstand so der Eindruck, als würden die Besucher auf den weißen Wänden unsichtbare Bilder studieren, als würden sie in dem Gehörten Bilder erkennen.

Jetzt wartet die Kunsthalle erneut mit einer Attraktion auf: Vom 5. 2. bis 14. 3. hat sie sich anlässlich der Berlinale dank des britischen Künstlers Phil Collins in ein Auto-Kino verwandelt. In der Halle stehen fünfzehn unterschiedliche Gebrauchtwagen, darunter auch ein Kleinbus, in die sich jeweils zwei Personen setzen dürfen und 50 bis 55 Minuten lang Filmklassiker oder Künstlerfilme betrachten können. Der Ton wird über die Autoradios in die Fahrzeuge übertragen, und vor Beginn des Programms wird man ausdrücklich dazu aufgefordert, die Lehne zurückzuklappen und es sich gemütlich zu machen. Zur Stärkung des Kinogefühls werden aus einem Lieferwagen heraus Getränke und Popcorn verkauft.

Auto-Kino 1 Auto-Kino 2 Auto-Kino 3 Auto-Kino 4 Film von Harun Farocki

Auch hier wird mit dem Raumgefühl gespielt: Man geht in die Kunsthalle, in der durch die Autos eigentlich eine Open-air-Atmosphäre entsteht. Doch dank der Halle verwandeln sich die Autos in kleine separate Logen oder Wohnzimmer.

Rund 100 Titel wurden für das hochkarätige Programm zusammengestellt, außerdem gibt es an zehn Abenden Spielfilme aus der deutschen Geschichte. Eine Erlebniswelt ganz eigener Art.

Wer ins Auto-Kino will, muss telefonisch Plätze reservieren: .

Der Eintritt ist frei!

3. 2. 2010

Bei Wikipedia wird Roger Buergel immer noch als Chefkurator des Miami Art Museums geführt. Doch seine Berufung dorthin hat er längst rückgängig gemacht. Einerseits brachte die Finanzkrise die hochgesteckten Ziele des im Aufbau befindlichen Museums ins Wanken, andererseits fürchtete der Leiter der documenta 12, dass von den Trägern des Museums nicht die Sammlung und das Museum wirklich wollten, das Buergel im Sinn hatte.

2.2. 2010

Hans-Kurt Boehlke ist tot. Er starb nur wenige Tage nach seinem 85. Geburtstag, den er, von seiner Krankheit gezeichnet, im Familienkreis beging.

Boehlke war von seinem Naturell her Arnold Bode verwandt. Er war kreativ und beim Verfolg seiner selbst gewählten Ziele konsequent und bis zur Eigensinnigkeit unerbittlich. Er schaffte Unmögliches. Sein größtes Projekt, das 1992 eröffnete Museum für Sepulkralkultur, setzte er ohne Auftrag und gegen viele Widerstände durch. Er erreichte nicht bloß, dass das Museum am Weinberg in Kassel verwirklicht wurde, sondern es gelang ihm auch, vorbei an den städtischen Einrichtungen und Staatlichen Museen seinem Sepulkralmuseum den Status einer bundesunmittelbaren Einrichtung zu verleihen und damit Bundesmittel zu sichern. Als Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal hatte er es gelernt, die richtigen Fäden in den Bundeseinrichtungen zu knüpfen.

Mit seinem Nachfolger in der Museumsleitung, Reiner Sörries, hatte Boehlke vor allem anfangs seine Schwierigkeiten - wie das so oft ist, wenn ein Vater sein Kind aus der Hand geben muss. Dabei gelang es Sörries, die Lücken im Sammlungsbestand dadurch zu überspielen, dass er ungewöhnliche Ausstellungen ins Haus holte und das Museum mit Leben erfüllte und sogar zu einem Kultort machte.

So passte es doppelt zu ihm, dass er Ende der 80er-Jahre zu einem Mitkämpfer Harry Kramers bei der Errichtung der Künstler-Nekropole wurde. Dabei ging es einerseits um die Formen der Bestattung und des Erinnerns und zum anderen um die Durchsetzung eines ungewöhnlichen künstlerischen Projektes. Beide, Boehlke und Kramer, waren am selben Tag im selben Jahr geboren, beide waren klein und durchsetzungsfähig. Nach dem Tod Kramers (1997) war Boehlke zum Sachverwalter des Künstlers, insbesondere in der Nekropole-Stiftung, geworden. Durch die Nekropolen-Künstler hatte Boehlke auch einen direkten Bezug zur documenta-Idee.

Zum Gedenken an Harry Kramer und Hans-Kurt Boehlke ein paar Bilder von der winterlichen Nekropole:
Blase Brummack Dossi Ulrichs

1. 2. 2010

Die “Basler Zeitung” erinnert heute in einem Porträt der Künstlerin und Szeemann-Witwe Ingeborg Lüscher an deren künstlerische Anfänge, insbesondere an ihren Auftritt bei der documenta 5 (1972), an der sie mit einem Buch über den Einsiedler Armand Schulthess (A.S.) teilnahm und bei der sie ihren späteren zweiten Mann Harald Szeemann kennenlernte.

Ingeborg Lüscher lebte als Schauspielerin in Berlin, bevor sie mit ihrem ersten Mann, dem Farbpsychologen Max Lüscher 22jährig 1959 in die Schweiz kam. Als Künstlerin ist sie Autodidaktin. 1967 bezog sie in Tegna das ehemalige Atelier von Hans Arp und ließ sich in Locarno nieder.

Ihre erste große Arbeit war die Dokumentation (Monographie) des Lebens und Werkes von A.S., der in den Kastanienwäldern bei Auressio seine eigene Welt geschaffen hatte, indem er das Wissen der Welt - Glücks- und Unglücksfälle, chemische Prozesse und Weisheiten, Literatur und Kunst, Astrologie und Schwangerschaft usw. - zusammenzufassen versuchte und in Stichworten vornehmlich auf Blechtafeln schrieb und diese in die Bäume hängte.

Liest man das aktuelle Porträt, dann erscheint alles ganz einfach und geradlinig: Ingeborg Lüscher fuhr im Vorfeld der documenta 5 nach Kassel, zeigte Harald Szeemann ihren Ordner über A.S. und war damit in die Künstlerliste aufgenommen. Tatsächlich erscheint ihr Name auch in jeder Künstlerliste der documenta 5. Zieht man allerdings den orangeroten Ordner zu Rate, der 1972 als documenta-Katalog erschien, sucht man vergeblich in den Künstlerverzeichnissen nach dem Namen Ingeborg Lüscher. Auch wenn man von vorne nach hinten und von hinten nach vorne die Seiten zu den “Individuellen Mythologien” durchblättert (für die laut “Basler Zeitung” die Arbeit hervorragend geeignet gewesen sei), findet man weder einen Hinweis auf A.S. noch auf die junge Künstlerin.

Erst wenn man sorgfältig die Seiten zur Bildnerei der Geisteskranken durchgeht, stößt man auf “Die Informationstafeln A.S.”, wobei zu lesen ist, dass A.S. nur unter Vorbehalt als geistig Kranker (Schizophrener) eingestuft werde. Und der Hinweis auf die Entdeckerin und die Autorin (Ingeborg Lüscher: “Der größte Vogel kann nicht fliegen”, Dokumentation über A.S., Köln, 1972) ist nur in einer Klammer zu finden.

Harald Szeemann hat später öfters die Arbeiten von Ingeborg Lüscher als eigenständiges künstlerisches Werk in seine Gruppenausstellungen aufgenommen. Doch 1972 war diese Wertschätzung noch nicht zu erkennen.

Dabei passte Ingeborg Lüschers Dokumentation ganz genau zu dem, womit sich Szeemann mit besonderer Begeisterung beschäftigte. 1983 nahm er denn auch Armand Schulthess (der übrigens noch im documenta-Jahr 1972 starb) in sein Ausstellungsprojekt “Der Hang zum Gesamtkunstwerk” auf. Aber auch da gibt es nur einen kleinen Literaturhinweis auf Ingeborg Lüscher.

Bayern 2 bringt am Sonntag, 28. 2. 2010, 15 Uhr, das Hörspiel “Auressio” von Ingeborg Lüscher/Peter Moritz Pickshaus, das sich um den Einsiedler Armand Schulthess dreht.

31. 1. 2010

In meiner persönlichen Liste der schönsten Kataloge und Künstlerbücher gibt es einen neuen Star, der fasziniert, verblüfft und liebenswürdig frech ist. Es handelt sich um den 2009 in der Edizioni Periferia erschienenen Band von Urs Lüthi “Art is the better life” (1824 S., 46 Euro), der zu der Ausstellungstournee Luzern, Hamburg, Meran, Verbania und Catania herausgegeben worden ist.

Das kleinformatige und dabei dicke Buch ist wie ein kirchliches Gesangbuch gestaltet: Schwarzer Einband, dezente Schrift auf dem Buchrücken, Dünndruckpapier und Goldschnitt. Äußerste Perfektion und gelungene Nachahmung lassen einen immer wieder ungläubig den Band durchblättern. Ein hervorragender Begleitband zu einer Retrospektive - mit Werkabbildungen, Austellungsfotos und eingestreuten Bildern von privaten Sichten. Der ganze Urs Lüthi, der auf der Suche nach den Bildern der Welt - so weit sie sich in seiner Gestalt spiegeln - auch vor den Grenzerfahrungen des Alterns und des Todes nicht Halt macht.

Katalogbuch Urs Lüthi Ist Urs Lüthi auf dem Weg zurück zum Glauben, oder erreicht sein ironisches Spiel nur einen weiteren Höhepunkt? Immerhin: So wie eine Retrospektive alle Aspekte eines künstlerischen Schaffens umfasst, so hält das Gesangbuch Lieder für alle Lebenssituationen zwischen Geburt, Tod und Erlösung bereit. Die Form, die anfangs wie ein Tabubruch, wie etwas Unerlaubtes erscheint, verleiht dem Auftritt des Künstlers eine neue Dimension - ganz gleich, ob sich für ihn darin eine Nähe zum Glauben manifestiert oder ob er nur eine Provokation suchte.

Lüthis Gesangbuch erobert für mich einen der ersten drei Plätze auf meiner Liste.

Die anderen beiden Kataloge?

Von Anfang an gehört für mich der 1969 erschienene Katalog “Kunst der Sechziger Jahre” (Sammlung Ludwig) dazu, der damals vom Wallraf-Richartz Museum Köln herausgegeben wurde. Wolf Vostell hatte ihn gestaltet: Plexiglas- und transparenter Kunstsoff-Einband, weißes Dünndruckpapier, Packpapier mit Angaben zu den Künstlern und ihren Werken sowie eingeklebte Reproduktionen der Werke (unter Beachtung der maßstabsgetreuen Abbildung) und transparente Folien, auf die Fotos von den Künstlern gedruckt wurden.

Mein dritter Lieblingskatalog begleitete die Ausstellung “Die enthauptete Hand” (1980 in Bonn, Wolfsburg, Groningen), die 100 Zeichnungen von Chia, Clemente, Cucchi und Paladino präsentierte: In einer Mappe findet man vier Zeichenblöcke mit den jeweils 25 Reproduktionen der Zeichnungen.

29. 1. 2010

Der aus Teheran stammende (Jahrgang 1976) und in Den Haag lebende Künstler Navid Nuur präsentiert bis 14. Februar in der Kunsthalle Fridericianum seine Ausstellung “The Value of Void” (Der Wert der Leere), in der verschiedene Arbeiten mit sehr unterschiedlichen Ansätzen zu sehen sind. Jetzt war Nuur zu einem Gesprächsabend in der Kunsthalle zu Gast.

Nuur 5 Nuur 6 Unbestrittenes Zentrum der Kasseler Schau ist eine Overhead-Projektion (”Vein of Venus II”): Auf der Projektionsplatte liegt ein farbiges Wassereis am Stiel, das durch die Strahlung einer Lampe zum allmählichen Schmelzen gebracht wird. Das Eiswasser wird von einem Aquarium aufgefangen. Unmittelbar dahinter steht ein Tiefkühlschrank mit dem Vorrat an weiteren Eisportionen. Auf eine riesige Leinwand im Nachbarsaal wird die wie ein Film wirkende Bilderfolge des langsamen Eiswasserstromes projiziert. Der Effekt ist unglaublich, denn man sieht die sich immer wieder ändernden Umrisse einer Figur, die aufgewühlt scheint und von Farbpartikeln durchströmt wird. Unwillkürlich denkt man an eine automatische Zeichnung oder Malerei. Die Kraft des Projektionsbildes steht im umgekehrten Verhältnis zu dem simplen Vorgang, der sichtbar gemacht wird.

Was man angesichts dieser Arbeit nur geahnt hatte, wurde nun im Gespräch mit Navid Nuur als Gewissheit vermittelt: Der Künstler ist ein Meister der Beobachtung und Wahrnehmung. Wie ein Minimalist versteht er es, kleinste Abläufe und Veränderungen so genau von der einen in die andere Wirklichkeitsebene zu übertragen, dass man die Ansicht, die Kunst habe im 20. Jahrhundert alle ihre Grenzen ausgetestet, verwerfen muss.

Noch ein Zweites hat Nuur gelehrt: Er ist ein großer Humorist, der durch Fotos, Videos und Performances die Kunst und ihre Bedingungen in Frage stellen, parodieren und erweitern kann. Dafür spricht einmal die Fotoserie, für die er Menschen vor einem Kunstwerk genau die Pose einnehmen ließ, die in dem Kunstwerk dargestellt ist, und zum anderen das Video, in dem er Instruktionen für den Aufbau einer Installation gab und immer wiederholte, dass dieses nur eine Gebrauchsanweisung sei, aber kein Werk.

Und schließlich führte Nuur vor, wie man eine Bilderflut beschwören kann, ohne sie wirklich zu zeigen: Ob er sprach oder jemand anderes - beständig klickte er auf seinem Notebook herum, öffnete Ordner und Seiten, ließ Bilder aufblitzen und genau so schnell wieder verschwinden. So wussten am Ende alle: Wir haben nur einen Bruchteil gesehen.