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Das Rudel – Die Eroberung des Raumes
25.11.2011 by dirkschwarze.
Der Gedanke, die Neue Galerie zu einem Museum der Moderne auszubauen, geht auf Prof. Erich Herzog zurück, der die Staatlichen Kunstsammlungen von 1962 bis 1982 geleitet hat. Allerdings musste Herzog in der Planungsphase in den 60er-Jahren resigniert feststellen, dass mit dem Jahre 1830 die systematische Sammlungstätigkeit endete und folglich „eine Auseinandersetzung mit der unmittelbaren Vergangenheit oder mit der eigenen Gegenwart nicht stattfinden konnte“. Auch hatte bis Ende der 70er-Jahre niemand daran gedacht, Werke aus der documenta anzukaufen. Das änderte sich erst 1982.
Umso größer war die Überraschung, als 1976 die Neue Galerie eröffnet wurde. Gleich in der Eingangshalle wurde man hineingezogen in die Auseinandersetzung mit der Kunst der 60er-Jahre – mit Werken von Carl Andre und Sol Lewitt beispielsweise. Das setzte sich in den hinteren Räumen und im Obergeschoss fort. Bei der Kaiserring-Verleihung in Goslar konnte Georg Baselitz 1986 sagen, dass die umfangreichste Sammlung seiner Werke in der Neuen Galerie zu sehen sei.
Was war passiert? Herzog war es gelungen, die beiden Privatsammlungen Herbig und Krätz nach Kassel zu holen, die Spitzenwerke der 60er-und 70er-Jahre enthielten. Hauptattraktion war der dem Künstler Joseph Beuys gewidmete Raum mit der Installation „Das Rudel“ (The Pack) im Zentrum. Die Arbeit besteht aus einem alten VW-Bus, den der Beuys-Galerist und spätere Kasseler Kunsthallen-Direktor René Block als Kunsttransporter benutzt hatte, sowie 24 Schlitten, die in Dreier-Reihe aus dem Bus zu schwärmen scheinen. Jeder Schlitten trägt eine Fett-Wachs-Ecke (Nahrung), eine gerollte Filzdecke (Wärme und Schutz), ein Baumwollband, eine Stablampe (Erkundung) und eine Abbindegurt (Sicherheit). Die Schlitten erobern und beleben den Raum. Offen bleibt nur, ob das Rudel ausschwärmt, um zu entdecken, oder ob es andere (aggressive) Absichten hat.
Die Beuys-Installation erregte die Öffentlichkeit erst, als das Land Hessen 1992 den Raum mit allen darin befindlichen Arbeiten für 16 Millionen Mark mit Hilfe von Kulturstiftungen erwerben wollte. Der Ankauf sollte diesen Werkkomplex für das Kasseler Museum sichern und dazu beitragen, die Abwanderung der Sammlung Herbig zu verhindern. Doch der Abzug der Sammlung Herbig konnte ebenso wenig verhindert werden wie die Abwanderung der Sammlung Krätz.
Neben dem „Block Beuys“ im Darmstädter Landesmuseum ist der Kasseler Raum der wichtigste Werkkomplex des rheinischen Künstlers in einem Museum – auch deshalb, weil Joseph Beuys den Raum 1976 selbst mit eingerichtet hat. Er legte nicht nur den Standort des Busses und die Ordnung der Schlitten fest, sondern bestimmte auch die Aufstellung der vier Vitrinen sowie die Platzierung der sieben einzelnen Objekte. Die 29 Zeichnungen, die Jost und Barbara Herbig 1970/71 kauften, suchte Beuys selbst aus und legte auch die Form der Rahmung fest.
So faszinierend „Das Rudel“ ist, so wenig darf es isoliert betrachtet werden. Denn bei der Einrichtung des Raumes ist es Beuys in Zusammenarbeit mit den Sammlern gelungen, einen Kosmos herzustellen, in dem seine zeichnerischen und plastischen Arbeiten ebenso greifbar werden wie seine Aktionen. So sieht man zwei Zeichnungen und ein Objekt mit dem Schlittenmotiv, die dem „Rudel“ vorausgingen. Und der Fernseher, der statt eines Bildes, ein Filzstück auf die Wand projiziert, ist eine frühe Abrechnung mit der Medienwelt.
Ein neuer Kunstbegriff
Kein anderer Künstler hat in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Kunst so stark verändert wie der Bildhauer und Aktionskünstler Joseph Beuys (1921-1986). Er nutzte für seine Werke nicht bloß alltägliche Materialien, sondern demonstrierte, dass die Stoffe selbst Bedeutungsträger sind: Blei isoliert, Filz wärmt, Kupfer leitet, Honig nährt.
Sein Wort, jeder Mensch sei ein Künstler, wurde oft missverstanden. Denn Beuys zielte ins Politische und meinte, dass jeder über schöpferische Kräfte verfüge, die er zur Veränderung der Gesellschaft einsetzen könne.
Das hatten Jost und Barbara Herbig bereits 1969 erkannt, als sie die Installation „The Pack“ erwarben. Für alle unübersehbar wurde der politische Anspruch, als Beuys 1972 in der documenta 5 in seinem Büro der „Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung“ 100 Tage lang mit den Besuchern diskutierte. Fünf Jahre später erprobte Beuys im Fridericianum seine Freie Internationale Universität, und 1982 verließ er zur documenta 7 das Museum, um die Baumpflanz-Aktion „7000 Eichen“ zu starten.
Der aus dem Krefeld stammende Künstler, der in Düsseldorf studierte und sein Atelier hatte, war ab 1964 fünfmal an einer documenta beteiligt. 1987 und 1992 wurden nach seinem Tod Werke in einer documenta gezeigt.
HNA 19. 11. 2011
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