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Die Kultur als Anwalt der Minderheiten
Mit einer intensiven Diskussion der Schwächen heutiger Demokratie-Systeme begann gestern in Österreich die Plattform l. Nach dem Verständnis von Ausstellungsleiter Enwezor bildet dieses Forum den Start zur Documenta 11.
WIEN. So hat noch keine documenta begonnen: Weitab von Kassel, wo 1955 die documenta-Idee geboren wurde, und 15 Monate vor dem Beginn der Kasseler Ausstellung wurde gestern das Startsignal in dem voll besetzten Saal der Akademie der bildenden Künste in Wien gegeben. Auch das Thema liegt außerhalb der normalen Kunstdiskussion: „Demokratie als unvollendeter Prozess”. Über ganze fünf Wochen (enden) wird sich die Diskussion erstrecken, und im Herbst soll es zum gleichen Thema noch einmal weitergehen.
Diese Intensität und Dauer deuten darauf hin, dass es nicht nur eine Marotte ist, dass sich der künstlerische Leiter der Documenta 11, Okwui Enwezor und sein Team von außen der Kunst zuwenden wollen, sondern dass es ihnen ernsthaft darum geht, in einem ausführlichen Diskurs die Bedingungen zu erforschen, unter denen die Menschen leben und unter denen kulturelle und künstlerische Ausformungen entstehen.
Die Wiener Plattform ist bei weitem nicht mit den Marathon-Exkursen zu vergleichen, die vor zehn Jahren Jan Hoet im Vorfeld seiner documenta IX unternahm. Hier soll auch nicht vor nur anderem Publikum um die documenta herumdiskutiert werden. Vielmehr sollen die Plattformen dazu dienen, mit Hilfe der jeweils ortsspezifischen Wurzeln und Möglichkeiten jene Fragen forschend zu beantworten, die das Umfeld erklären helfen, in dem Kunst entsteht.
Dass die Wiener Akademie für die Veranstaltungsreihe nicht nur die räumlichen Voraussetzungen bietet, sondern Enwezors Entscheidung, den documenta-Horizont zu erweitern, mitträgt, machte Boris Groys als frisch gebackener Rektor der Wiener Akademie, in seiner Begrüßung deutlich. Die Demokratie, so sagte er, bestehe in der Suche nach Mehrheiten für Entscheidungen. Dabei sei sie ständig der Gefahr ausgesetzt, das Potenzial der Mehrheiten propagandistisch einzusetzen und auf diese Weise Minderheiten zu missachten. Daher falle der Kunst und Kultur in der Demokratie eine wesentliche Rolle zu, weil sie sich immer wieder als Anwälte der Minderheiten verstanden hätten. Um den Schutz der Minderheiten ging es auch ganz wesentlich in dem gestrigen Eröffnungsvortrag von Prof. Stuart Hall, der zwar keine Alternative zur Demokratie sieht, der aber auch davor warnte, die Schwächen der heutigen Demokratie-Systeme zu übersehen. Mit Francis Fukuyama ist Hall der Meinung, dass sich das Demokratie-Verständnis auf eine liberale Gesellschaft verkürzt habe, die an das Gesetz des freien Marktes gebunden sei. So seien ganz widersprüchlich Entwicklungen zu beobachten: Einerseits fördere die Globalisierung die Angleichung der Gesellschaften, in der alle nur noch als Konsumenten behandelt würden. Auf der anderen Seite funktioniere der globale Markt nur auf der Grundlage der Ungleichheiten (entwickelter und nichtentwickelter Staaten). Zur gleichen Seite würden auch innerstaatlich die sozialen Ungleichheiten verstärkt. Die Zersplitterung in der Gesellschaft und die Migrations-Bewegungen aus den armen in die reicheren Länder würden immer wieder dazu führen, dass sich die Staaten undemokratisch abschließen und Minderheiten abdrängen oder unterdrücken würden.
Die Demokratie ist, wenn sie ihren Idealen verpflichtet bleiben will, nach Hall folglich gezwungen, das Recht auf Identität und damit auf Unterschiedlichkeit zu schützen und zu fördern. Das schließe die Akzeptanz des Fremden ein. Obwohl Hall dem Nationalstaat misstraut, sieht er derzeit keine Alternative zu ihm. Das Gesundheitswesen beispielsweise könne im Moment nur auf nationaler Basis einigermaßen funktionieren.
HNA, 16. 3. 2001. Nachgedruckt in: Meilensteine: 50 Jahre documenta
Kommentar: Radikaler Neubeginn
Es ist ein merkwürdiges Gefühl: zu wissen, dass gestern die Documenta 11 in Wien begonnen hat, man davon aber in der documenta-Stadt nichts spürt. Hat Okwui Enwezor, der künstlerische Leiter, die documenta-Idee entführt, um sie mit seinen Diskussions-Plattformen rund um die Welt zu schicken? Nein, zu befürchten ist in der Beziehung wohl nichts. Die Ausstellung wird ordnungsgemäß am 8.Juni nächsten Jahres in Kassel eröffnet. Nur haben sich die Voraussetzungen geändert. Die wichtigste Änderung besteht darin, dass es heute weltweit eine Inflation von Ausstellungen und Biennalen gibt. Wäre die documenta noch so wie in den 80er-Jahren, nämlich ein großes Kunstereignis vornehmlich aus europäischer Perspektive, wäre sie längst international bedeutungslos. Außerdem bestand die Gefahr, dass die documenta zum bloßen Unerhaltungselement werden könnte. Mit seinen Plattformen zu politischen Grundfragen holt Enwezor die Kunstdiskussion in die Gesellschaft zurück. Er gibt ihr wieder einen Ort und die Verbindlichkeit. Nur vollzieht Enwezor einen noch radikaleren Neubeginn, indem er wirklich global denkt und die Grundlagendiskussionen dort führt, wo er wichtige lokale Impulse erhofft. Die Documenta 11 entzieht sich nicht Kassel. Die documenta-Fahne an der Wiener Akademie wirbt vielmehr für die Stadt.
HNA 16. 3. 2001
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