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Die Finger in die Wunden gelegt
Zum 70. Geburtstag des Konzept-Künstlers Hans Haacke - Wichtige Beiträge zur Kasseler documenta
Das Werk, das Hans Haacke geschaffen hat, ist nicht sehr umfangreich. Die meisten Beiträge zu Ausstellungen waren Inszenierungen, die nur als Bilder in der Erinnerung oder als Fotodokumente fortleben. Aber sie waren meist so stark und einprägsam, dass sie viele andere Erinnerungen ausgestochen haben.
Seinen markantesten Auftritt hatte Hans Haacke 1987 in der Kasseler documenta. Da hatte ihm der künstlerische Leiter Manfred Schneckenburger den wichtigsten Raum, die Rotunde im Erdgeschoss des Museums Fridericianum, zur Verfügung gestellt. Dort präsentierte Haacke eine Inszenierung, wie sie in den Eingangshallen von großen Unternehmen vorstellbar ist. Das Logo der Deutschen Bank und den Mercedes-Stern hatte er als eine monumentale leuchtende Skulptur gestaltet, um die innere Verknüpfung der beiden Konzerne zu verdeutlichen. Hinter dem Diagonalbalken im Logo der Deutschen Bank war ein Foto zu sehen, das einen Trauerzug schwarzer Menschen in Afrika zeigte. Der Sinn dieser Montage war, klar zu machen, dass die beiden Unternehmen mit Südafrika ihre Geschäfte machten, obwohl die dortige Regierung damals die Schwarzen von jeder Mitwirkung in der Politik (Apartheid) ausschloss.
Der in Köln geborene und seit vielen Jahren in New York lebende Konzept-Künstler Hans Haacke wird heute 70 Jahre alt. Er tritt ruhig, fast unauffällig und gelassen auf. Umso explosiver sind seine Arbeiten.
Er scheut auch keinen Konflikt und nimmt in Kauf, eine Ausstellung platzen zu lassen, wenn er einmal entschieden hatte, er müsse den Finger in die Wunde legen. So hatte er in New York mit einer Fotoserie für Aufregung gesorgt, in der er Mietshäuser vorstellte, die alle von einem Spekulanten aufgekauft worden waren. Die Serie war 1997 in der documenta zu sehen.
Für Sprengstoff sorgte auch sein 1982 in Kassel präsentierter Beitrag „Der Pralinenmeister“. In dieser Text-Foto-Dokumentation machte er sichtbar, wie der als Kunstmäzen gefeierte Sammler Peter Ludwig seine Kunst- und Ausstellungspolitik mit seiner internationalen Tätigkeit als Schokoladenfabrikant kombinierte,
Haackes Beiträge bedeuteten immer auch ein Risiko für die Ausstellungsveranstalter. Aber der Magen des Kunstbetriebs verdaut mittlerweile vieles. Seinen jüngsten Aufreger hatte Haacke dem Reichstag in Berlin beschert. In einem Innenhof ließ er einen rechteckigen Container mit dem Aufruf an die Abgeordneten aufstellen, Erde aus ihrem Wahlbezirk dort hineinzuschütten. Zu diesem Plan entspann sich sogar eine Bundestagsdebatte. Die Befürworter siegten über die Skeptiker und Gegner: In der Tat wurde das Projekt zum Erfolg, denn die im Container installierte Inschrift „Der Bevölkerung“ wird mittlerweile von dem Grün überwuchert, das aus der Erde wild sprießt.
HNA 12. 8. 2006
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