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Politik auf unsicherem Boden
Um den geplanten Beitrag des Künstlers Hans Haacke ist ein Grundsatzstreit entstanden. Ist die Kritik an Haackes Projekt nur ein Ventil für ein Unbehagen der Politiker an der Kunst?
Der Berliner Reichstag, der jetzt dem Bundestag als Amtssitz dient, ist nach seinem Umbau in üppiger Weise mit zeitgenössischer Kunst ausgestattet worden. Die Übernahme der Räume und Werke vollzog sich relativ geräuschlos. Um so überraschender wirkt der Streit, der sich jetzt an dem geplanten Beitrag des mehrfachen documenta-Teilnehmers und in New York lebenden Künstlers Hans Haacke entzündet hat. Der Widerstand in den Reihen der Abgeordneten ist so groß, dass möglicherweise erstmals der Bundestag über die Form und den Sinn eines einzelnen Kunstwerkes debattieren wird. Das Parlament hatte das selbst nicht getan, als Christos Reichstagsverhüllung zur Diskussion stand. Da ging es nur um die Frage, ob man den historischen Bau als Objekt zur Verfügung stellen wolle, nicht aber um das Werk selbst. Der Streit überrascht deshalb so sehr, weil Haackes Reichstagsprojekt im Vergleich zu seinen früheren Arbeiten nicht besonders aggressiv und originell wirkt: 1987 schuf er zur documenta 8 eine ironisch-feierliche Installation, in der er die Deutsche Bank und Mercedes indirekt als Unterstützer der Rassentrennung (Apartheid) in Südafrika anklagte; 1993 hatte er zur Biennale in Venedig den Boden im deutschen Pavillon zertrümmert (siehe Foto), um an die nationalsozialistische Vergangenheit des Baus zu erinnern; und in der jüngsten documenta zeigte er seine Text-Foto-Arbeit von 1971, die die dunklen Immobiliengeschäfte in Manhatten enthüllte. Dagegen erscheint das Projekt für den Reichstag harmlos: Haacke will im nördlichen Lichthof einen 21 mal 7 Meter großen Holztrog aufstellen, für den jeder Bundestagsabgeordnete einen Zentner Erde aus seinem Heimatwahlkreis mitbringen soll und in dessen Mitte die Neonschrift Der Bevölkerung leuchten soll. Fühlen sich die Politiker dadurch provoziert, dass der Reichstags-Giebel-Inschrift Dem deutschen Volke die lapidare Formulierung Der Bevölkerung gegenüber gestellt werden soll, die auch alle Nicht-Deutschen einschließt? Oder wollen sie sich nicht als Zwangsarbeiter für ein Kunstprojekt missbrauchen lassen, weil sie fürchten, sich bei ihren Wählern lächerlich zu machen? Denkbar ist schon, dass etliche Abgeordnete glauben, sie würden auf einen auf einen unsicheren oder gar doppelten Boden gelockt, dessen Falltüren sie noch nicht entdeckt haben. Gleichfalls ist möglich, dass sich ihre aufgestaute Unzufriedenheit mit vielen anderen Kunstbeiträgen für den Reichstag in dem Projekt des eindeutig politisch-kritischen Künstlers ein dankbares Ventil findet. Die Grundentscheidung der Kuratoren für das Kunstkonzept, zu denen die künftige Rektorin der Kunsthochschule Kassel, Karin Stempel gehört, war richtig und notwendig, Hans Haacke einzubeziehen. Dass er dafür nicht eines seiner stärksten Werke entwickelte, ist ebenso richtig. Erst die fundamentale Politiker-Kritik lässt Haackes Vorschlag wichtig und aufklärerisch kritisch erscheinen. Dadurch werden die Rückzugsmöglichkeiten nahezu verschlossen. Und auf einmal entsteht an einem Punkt, an dem man es nie gedacht hätte, eine Diskussion um die Freiheit der Kunst und um das Verhältnis von Kunst und Politik.
HNA 20. 3. 2000
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