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Größte Ruhe - höchste Dramatik
Kasseler Gemäldegalerie konfrontiert „Die Blendung Simsons“ und „Der Segen Jakobs“
Kassel. Dass auch kleine und kleinste Ausstellungen für museale Höhepunkte sorgen können, beweist die Gemäldesammlung der Staatlichen Museen Kassel zum wiederholten Male. Im Grunde beschränkt sich die Sonderschau „Rembrandt im Kontrast“ auf eineinhalb Galerie-Säle. Deren Zentrum, ein durch Stellwände geschaffener oktogonaler Raum, bietet mit seinen sechs Gemälden von Rembrandt (2), Rubens (1), Jan Lievens (1) und Jan Victors (2) eine solch geballte Ladung, dass es einem den Atem verschlägt.
Den Mittelpunkt bildet die Gegenüberstellung der beiden Rembrandt-Hauptwerke „Die Blendung Simsons“ aus dem Frankfurter Städel und „Der Segen Jakobs“ (Kassel). Das erste Bild, das Rembrandt als 30-Jähriger malte, ist von höchster Dramatik und Brutalität; das zweite entstand 20 Jahre später und strahlt große Ruhe und Reife aus. Als vor zwei Jahren das Frankfurter Städel mit starker Kasseler Unterstützung seine Rembrandt-Ausstellung zeigte, waren bereits beide Bilder unter einem Dach vereint. Doch damals verpasste das Frankfurter Museum die direkte Gegenüberstellung.
Warum ist die so interessant? Es gibt mehrere Antworten. Die naheliegendste lautet: Rund 100 Jahre lang waren die beiden Gemälde schon einmal zusammen in Kassel zu sehen - allerdings besaß die Galerie damals nicht das originale Bild, sondern, wie sich nach 1900 herausstellte, eine zeitgleich in der Rembrandt-Werkstatt hergestellte Kopie. Dieses Gemälde ist seit 1943 verschollen. Die zweite Antwort führt ins Inhaltliche: Mit seiner „Blendung“ wollte Rembrandt offenbar, wie Gregor Weber, der Leiter der Gemäldegalerie, meint, sich und der Welt beweisen, dass er Rubens übertreffen könne. Zum Vergleich hängt daneben das ebenfalls dramatische Rubens-Bild „Der gefesselte Prometheus“ aus Lille.
Im „Segen Jakobs“ hingegen verzichtet der 50-jährige Rembrandt auf jede Zuspitzung. Er stellt nicht den Streit zwischen Jakob und Joseph um die Frage dar, welcher Enkel den Segen erhalten solle. Der Streit, so Weber, ist ausgestanden. Nun kann der alte Jakob seinen Segen mit innerer Ruhe erteilen und Joseph kann fast milde lächelnd zuschauen. Die in unmittelbarer Nachbarschaft hängende Version von Jan Victors ist wohl prächtig gemalt, wirkt im direkten Vergleich aber flach und illustrativ. Vor allem ist sie konventionell im Unterschied zu dem Rembrandt-Bild, das einen ganz anderen Moment der überlieferten Geschichte darstellt.
Das ist das Gelungene der kleinen Ausstellung, dass sie Bilder durch Bilder erklärt und zum direkten Studium der Gemälde einlädt. Eine große Unterstützung leistet zusätzlich der vorzügliche Katalog.
HNA 3. 11. 2005
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