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Wenn die Aussage in der Schwebe bleibt
Thematische Linien durch die Documenta 11 (11): Die verschiedenen Spielarten der Skulptur
Was fängt man damit an? Der kroatische Künstler Ivan Kozaric hat den gesamten Inhalt seines Ateliers verpacken lassen und nach Kassel geschickt. In einem Raum der Binding-Brauerei wurden die Bilder aufgehängt und seine bildhauerischen Arbeiten aufgestellt. Es entsteht eine verwirrende Vielfalt. Mancher Besucher wird sich freuen, dort plastische Werke sehen zu können, die er sonst vergeblich gesucht hat. Sieht man sich die Bilder und Plastiken genauer an, erkennt man, dass diese überbordende Fülle zahlreiche Ansätze des 20. Jahrhunderts spiegelt. In dem Raum ist also nicht nur das Lebenswerk eines Künstlers versammelt, sondern auch die Essenz eines ganzen Zeitalters. Indem Kozaric sich nicht auf eine einzelne Form festlegt, lässt er die Aussage in der Schwebe, welcher Weg denn richtig sei. Zudem gleicht seine Skulpturensammlung einer historischen Erinnerung: So sah die Kunst im vorigen Jahrhundert noch aus. Dokumentiert der Raum von Kozaric also nur Vergangenes? Vieles spricht dafür. Natürlich gibt es noch die klassischen Bildhauer, die mit Holz, Granit oder Stahl arbeiten und die sich mit der Figur, mit dem Raum sowie mit der Linie und dem Volumen auseinander setzen. Doch in der Zeit seit den 60er-Jahren, in der sich die Grenzen zwischen den künstlerischen Techniken auflösten und in der immer mehr Künstler dazu übergingen, aus gefundenen und geschaffenen Objekten Installationen zu entwickeln, verlor die klassische Skulptur an Bedeutung. Deshalb überrascht nicht, dass Skulpturen in der Documenta 11 eher beiläufig auftauchen. Begibt man sich aber auf eine systematische Suche, stößt man auf mehr skulpturale Arbeiten, als man denkt. Manchmal erweitern sie sich zum Raum wie die Skaterbahn bei Binding und die Tunnelkonstruktion in der Orangerie, die die Gruppe Simparch als Klangskulpturen angelegt hat. Klangräume sind auch die kleinen Pavillons von Renée Green in der Karlsaue. Eine eher herkömmliche Skulptur ist Thomas Hirschhorns Bataille Monument in der Nordstadt. Hirschhorn hat der monumentalen Skulptur einen provisorischen Charakter gegeben. Aber sie hat alles, was zu einem großplastischen Werk gehört Kraft, Volumen und jene Uneindeutigkeit, die zur Auseinandersetzung herausfordert. An die klassische (abstrakte) Skulptur erinnern auch Isa Genzkens Objekte im Kulturbahnhof. Diese schlanken Konstruktionen aus farbigem Glas, Klebeband, Spiegeln und Folien eröffnen wechselnde Einblicke und ebnen den Weg zur Architektur. Gemeinsam mit den verspielten Utopie-Städten von Body Isek Kingelez erscheinen Genzkens Skulpturen wie visionäre Bauten. In der Tradition der überlieferten Skulptur steht auch Louise Bourgeois. Unübersehbarer Bezugspunkt für ihre Arbeiten ist die menschliche Figur. Allerdings berührt ihr Raum in der Binding-Brauerei den Grenzbereich zur Installation: Die vernarbten Stofffiguren, die von Gewalt, Missbrauch und Albträumen erzählen, befinden sich in Gehäusen, die halb Schauvitrine, halb Käfig sind. Ihrer Gefangenschaft können diese Figuren ebenso wenig entkommen wie die bizarren, absurden und erschreckenden Puppen, die wenige Räume weiter Annette Messager wie im Puppenspiel an Drähten auf- und abbewegen lässt. Die Arbeiten von Bourgeois und Messager sind in gewisser Weise verwandt, doch verbirgt sich bei Messager die Bedrückung in einem spielerisch und harmlos scheinenden Arrangement. Menschliches Leiden Verfolgung, Verstümmelung und Vernichtung thematisiert auch Doris Salkedo. In ihren im Fridericianum gezeigten Objekten verarbeitet sie ein Schreckenskapitel aus der Geschichte Kolumbiens. Aber sie verschlüsselt die Darstellung, indem sie nicht die menschlichen Figuren selbst benutzt, sondern das, was die Menschen erlitten haben, auf Stühle überträgt. Die zerstörten und ineinander verkeilten Stühle werden zu Stellvertretern und Symbolen der Menschen. Auch Yinka Shonibare greift in seiner in der Binding-Brauerei gezeigten Arbeit eine historische Episode und damit ein Kapitel der Kolonialzeit auf die Bildungs- und Lustreisen der nachwachsenden englischen Führungsschicht im 18. Jahrhundert. Shonibare tritt hier als Regisseur auf, der die vorgefertigten kopflosen Puppen, die Reisekisten und die Kutsche wie ein Bühnenbild gestaltet hat. Zwei Beiträge in der Binding-Brauerei machen viele Besucher ratlos. Wahrscheinlich ist es gut, wenn man sich zu der Ratlosigkeit bekennt und voller Fragen diese Arbeiten hinter sich lässt. Die eine stammt von Manfred Pernice, der einen Turm aus unterschiedlichsten Materialien gebaut hat: Estrel: Vier Jahreszeiten. Von jeder der vier Seiten hat der Turm eine andere Gestalt. Er besteht aus lauter Möglichkeiten einer Skulptur und stellt durch eine Schaufenstervitrine und ein Video rätselhafte Beziehungen zur Hotelarchitektur her. Der andere Beitrag stammt von Mark Manders. Es ist ein Raum mit mehreren Arbeiten, die dadurch zu einer Einheit werden, dass sie von einer halbhohen Mauer aus rohen Steinen eingefasst werden. Es handelt sich um eine Ansammlung von Skulpturen, die Albträume spiegeln. Manders bewegt sich zwischen der Wirklichkeit und dem Surrealen. Die verkleinerten Räume, Tische und Stühle, die beiden großen androgynen Figuren, die Objekte, die wie Maschinen wirken und doch keine sind, die Tiere und die Todeslandschaft erscheinen wie ein Abgesang auf die Welt. Unwillkürlich werden die Besucher still. Der Rest ist Schweigen. Die Rätsel bleiben auch bei der Maschinenskulptur von Nari Ward, die ihre Kraft und Form aus dem Müll gewinnt.
HNA 17. 8. 2002
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