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Poesie aus der Zartheit der Linie
Der Maler Bernard Schultze, einer der überragenden deutschen Künstler der informellen Malerei, vollendet heute voller Schaffenskraft sein 85. Lebensjahr.
In einem Gespräch aus Anlass seines heutigen 85. Geburtstages soll Bernard Schultze gesagt haben, er wolle einen Platz in der Kunstgeschichte ergattern. Um die Erreichung dieses Ziels braucht er sich nicht zu sorgen. Wie nur wenige andere Maler hat er es geschafft, nahezu 50 Jahre lang mit seinen Bildern Anreger und meisterhaftes Vorbild zu sein. Abstraktion Vor allem fasziniert, dass er bereits als junger Künstler sein Thema und seinen Stil fand und sich doch bei aller Konsequenz die Freiheit bewahrte, Neues zu entdecken und sich weiter zu entwickeln. So gelang es ihm, der als ein Exponent der abstrakten Kunst in den Nachkriegsjahren gilt, gemeinsam mit Hann Trier und Fred Thieler in den Dialog mit der jungen Maler-Generation zu treten, die sich um 1980 zu Wort meldete. Dreimal, 1959, 1964 und 1977, war er in der documenta vertreten. Den 85. von Schultze feiern mehrere Galerien und Museen mit Ausstellungen. In Frankfurt, wo Schultze nach dem Erlebnis der Moderne in Paris die Künstlergruppe Quadriga mitbegründete, zeigt das Städel unter dem Titel Innerer Monolog 65 Arbeiten des Künstlers. Parallel dazu wartet die Frankfurter Galerie Gierig mit jüngsten Schöpfungen des Malers auf. Sie zeugen von einer unglaublichen Vitalität und von einer bewundernswerten poetischen Kraft. Vergessen sind die provokanten Bildobjekte der 69er Jahre, die Migofs, die an aufgeschnittene Körper-Torsi erinnerten. Diese jüngsten Bilder konzentrieren sich auf die innige Zwiesprache zwischen zarter, krickelnder (Tusche-)Linie und harmonischer Fleckenmalerei. Das ist die Fortsetzung der Lyrik mit malerischen Mitteln. In der Malerei von Bernard Schultze trafen sich expressionistische Ausdrucksfreude und der Wunsch, die Darstellung äußerer Bilder durch die Umsetzung innerer Bilder zu verdrängen. So muss jeder Betrachter für sich den Widerspruch auflösen, dass Schultzes Bilder wirken, als würden sie Geschichten erzählen, dass man deren Sprache erahnt, aber nicht kennt. Seine Malerei, die auf der Kraft der Zeichnung aufbaut, bewegt sich im Grenzgebiet zu organischen und landschaftlichen Formen. Harmonie Immer wieder begeistert, wie es Schultze gelingt, harmonische Grundstimmungen auch dort zu erzeugen, wo extreme Farben und aggressive Formen unversöhnt aufeinander stoßen. Und manche Ölbilder sind so durchsichtig, dass man glaubt, Aquarelle vor sich zu haben.
HNA 30. 5. 2000
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