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Im Zeichen der Gewalt
Cady Noland und Felix Gonzales-Torres im Fridericianum
Kassel / Museum Fridericianum
Im Zeichen der Gewalt
Das strahlende, immer optimistische Amerika hat seine Unschuld verloren: Es steht im Zeichen der Gewalt. Für die beiden in New York arbeitenden Künstler Cady Noland (Jahrgang 1956) und Felix Gonz1ez- Torres (Jahrgang 1957) aber nicht erst seit Beginn des Golfrieges. Weit vor Beginn dieser tödlichen Krise haben die beiden - auf ganz unterschiedliche Weisen - begonnen, auf die alltäglichen Anzeichen und Folgen von Gewalt und Brutalität in der amerikanischen Gesellschaft künstlerisch zu reagieren. Und beide demonstrieren dabei, zu welch überraschenden Formen politisch-kritisch in Gang gebrachte Kunst heute vorstoßen kann.
Das Museum Fridencianum in Kassel übernahm jetzt aus Berlin die von der dortigen Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst konzipierte Ausstellung und präsentiert sie parallel zu der Werkschauen von Harry Kramer und Günter Tuzina. Die Arbeiten der beiden US-Künstler wurden räumlich miteinander verzahnt und in Beziehung zueinander gesetzt. Tatsächlich ergänzen sie sich auch.
Bei dem Stichwort politisch- kritische Kunst darf man in diesem Fall aber nicht an den politischen Realismus der 60er und 70er Jahre denken. Sowohl Cady Noland als auch Felix Gonz1ez-Torres arbeiten weder mit eindeutigen (didaktischen) Bildern noch mit Pointen. Sie reagieren bildnerisch und spielerisch auf Grundstimmungen und Tendenzen. Sie geben keine Kommentare, doch sie provozieren welche. Vor allem: Sie zeigen das saubere, ordentliche, bunte und mordende Amerika in seiner Widersprüchlichkeit.
Da läßt Cady Noland etwa die Besucher einen Raum durch ein Gittertor passieren. Gleich vorne rechts steht eine durchlöcherte Schießbudenfigur - ein auf eine dicke Aluminium-Platte aufgezogenes Foto, das den angeblichen Kennedy-Attentäter in dem Moment zeigt, in dem er erschossen wird. Dahinter steht ein stählerner Boxring, über dessen Eckpfosten Gehhilfen für Behinderte gestapelt sind. Dieses Rechteck aus Stahlrohren ist wie der Schlüssel zu der Bildwelt von Cady Noland: Wer den sauberen und scheinbare Sicherheit vermittelnden Ring dieser schießwütigen Gesellschaft verläßt, kann nicht mehr auf den eigenen Beinen stehen.
Beide Künstler lassen die Dinge für sich sprechen. Jede Bierdose in den Nationalfarben wird da zum Sprachrohr. Vor allem Gonz1ez-Torres arbeitet mit dieser irritierenden Direktheit: Er erinnert an die fröhliche Kaugummi-Gesellschaft unterm Sternenbanner, indem er einen weiß-blau-roten Kaugummi-Berg aufhäuft (wobei die Kaugummis wieder gewalttätige Comics enthalten); und er setzt dagegen einen Papierstapel, bestehend aus Postern, die in endlosen Reihen die 464 Menschen zeigen, die in den USA in einer Woche durch das Gewehr ums Leben gekommen sind.
Gonzalez-Torres nimmt sich als Künstler ganz zurück. Er benutzt fast nur Fertigprodukte oder Fundstücke, die er serienmäßig anhäuft. Indem er die Besucher einlädt, von jedem Stapel oder Haufen ein Stück Amerika mitzunehmen, weicht er scheinbar ins Spielerische aus. Er läßt die Wirklichkeit für sich selbst sprechen und entdeckt so ein neues Vokabular für die Kunst. Auch Cady Noland scheint ihre eigenen Spuren zu verwischen. Ihre arrangierten Stücke täuschen aber nur den Zufall vor.
HNA 19. 2. 1991
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