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So gut hörte man noch nie Filmmusik
Während der Documenta 11 haben viele Besucher Video-Arbeiten für sich als künstlerisches Medium entdeckt. Die Video-Installationen von Shirin Neshat, Kutlug Ataman und Eija-Liisa Ahtila fanden nicht nur bei der Kritik Beachtung und Beifall, sondern wurden auch zu regelrechten Publikum-Hits. Diesen ebenso qualitätvollen wie unterhaltsamen Arbeiten ist ohne Abstriche die Installation an die Seite zu stellen, die jetzt von Christian Marclay parallel zur Fluxus-Ausstellung in der Kunsthalle Fridericianum zu sehen ist.
Marclay (Jahrgang 1955) ist den hiesigen Ausstellungsbesuchern schon durch eine ältere Arbeit bekannt. Von ihm war in der Ausstellung „Looking at you“ (2001) auf einem Monitor ein heiter stimmender Zusammenschnitt von Filmszenen gezeigt worden, in denen es ausschließlich um das Telefonieren ging. Es begann mit Stücken, in denen das Telefon klingelte und in denen dann abgehoben wurde; und endete mit Szenen, in denen aufgelegt wurde. Dieser gekonnt erzählerische Aufbau hatte das Video „Telephones“ wie einen durchkomponierten Film erscheinen lassen, der die Absurdität mancher Filmausschnitte offenbarte.
Auch bei seiner größer angelegten Arbeit „Video Quartet“ geht Marclay von Szenen aus, die er aus vorhandenen Spiel- und Dokumentarfilmen kopiert hat. Insgesamt hat er 600 Ausschnitte (Clips) bearbeitet und zusammengefügt. Dabei hat er sich ausschließlich auf solche Szenen konzentriert, in denen Musik gespielt, gesungen, gepfiffen und geschrien wird oder andere Geräusche gemacht werden.
In einem großen Saal lässt er als ein fortlaufendes Band vier Video-Sequenzen nebeneinander projizieren. Auch sind die Lautsprecher so aufgestellt, dass man die parallel ausgestrahlten Klänge immer auch den einzelnen Szenen zuordnen kann.
Aus diesen Filmschnipseln hat Marclay eine großartige Komposition geschaffen, die sehr viel über den Film und seine Machart, über die Filmmusik und die Musik erzählt. Auch daraus ist eine in sich stimmige Geschichte geworden, die verhalten einsetzt, sich steigert, dann wieder leicse wird und mit einem kräftigen Schlussakkord endet. Viele Details wird man erst beim wiederholten Zuschauen erkennen. So gut und intensiv hörte man noch nie Filmmusik.
Es fasziniert, wie es Marclay gelungen ist, auch solche Szenen zu integrieren, in denen die Musik verschwindet und in denen der Lärm quietschender Reifen, zerbrechender Instrumente und von Explosionen das Klangspektrum erweitern. In diesen Szenen wird offenbar, dass Marclay, der auch als Disc-Jockev gearbeitet hat, dem Geist von Fluxus sehr nahe kommt - nicht nur, weil er selbst auch Filme von Fluxus-Künstlern zitiert. Das „Video Quartet“, das in Kassel seine europäische Erstaufführung erfährt, macht den Besuch der Kunsthalle doppelt lohnend.
HNA 22. 1. 2003
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