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Die neue Sprache der Plastik
1955 - Wilhelm Lehmbrucks „Kniende“
„Aber erst in der „Knienden“ gewinnen diese seelischen Kräfte ganz reinen Ausdruck und ihre von fremden Bindungen freie gleichnishafte Gestaltung. Der Kopf und die edle Geste drücken eine Empfindungsfülle aus, die unbeschreiblich und ergreifend wirkt und jede Einzelheit der Figur durchbebt. Diese überschlanke Gestalt scheint allem Körperlichen enthoben, und doch ist sie von einer überaus feinen und innigen Naturanschauung.“
August Hoff schrieb das 1936 in seinem Buch „Wilhelm Lehmbruck – seine Sendung und sein Werk“. Die Bewunderung und die verklärende Sprache konnten zwar das Phänomen Lehmbrucks (1881 – 1919) nicht voll erfassen, doch die Worte lassen erkennen, dass Hoff die herausragende Leistung des Bildhauers erspürte. Ein Jahr, nachdem das Buch erschienen war, wurde jedoch Lehmbrucks „Kniende“ zusammen mit zahllosen anderen Bildern und Plastiken von den Nationalsozialisten als „Entartete Kunst“ gebrandmarkt.
Die Diffamierung erfolgte nicht aus heiterem Himmel. Lehmbrucks 1911 in Paris geschaffene Plastik hatte zu den am stärksten umstrittenen Werken gehört. Auf der anderen Seite war sie innerhalb der Kunstwelt zu einer „Idolfigur des Expressionismus“ geworden. Heute gilt die „Kniende“ unbestritten als eines der wichtigsten plastischen Werke des 20. Jahrhunderts.
Eine Ausstellung wie die documenta von 1955, die die Grundlagen der Moderne vorführen wollte, konnte an Lehmbrucks Plastik nicht vorbei gehen. Sie erhielt denn auch im Eingangstreppenhaus als Künderin der neuen Form einen Ehrenplatz. Was aber macht diese Arbeit so einzigartig? Es ist die Komplexität, die Tatsache, dass sie die Bruchlinie zwischen Tradition und Moderne markiert und dabei so Vielfältiges in sich vereint.
Die größte Leistung Lehmbrucks besteht, wie Hoff schon erkannte, in der Vergeistigung der Figur. Anmut und Grazie, Demut und Würde sprechen aus der „Knienden“. Mit niedergeschlagenen Augen blickt sie nach unten und wirkt durch ungebeugte Haltung und das linke noch stehende Bein immer noch selbstbewusst. Die Gestalt ist in ihrer Körperlichkeit präsent und doch nach innen gekehrt. Ohne dass ein direkter Bezugsrahmen hergestellt wird, erinnert die „Kniende“ an die Tradition der christlichen Verkündigung.
Die Figur strahlt eine überwältigende Ruhe aus. Dennoch liegt ihr besonderer Reiz in der Bewegung. Die Stellung des linken Beines macht einen Bewegungsablauf sichtbar. Der Bildhauer hat genau den Moment erfasst, in dem die Frau sich entweder völlig hinkniet oder aufsteht. Auch die anmutig vor die rechte Brust hochgehaltene Hand verstärkt den Eindruck, man werde Zeuge eines Vorgangs.
Wilhelm Lehmbruck knüpft mit dieser Plastik eindeutig an die klassische figürliche Gestaltung an. Gleichzeitig überwindet er sie. Denn bei aller Feinheit der Ausformung von Kopf und dem über das linke Bein gelegten Tuch ist die Figur stilisiert. Ihren starken Ausdruck gewinnt die Plastik durch ihre gotische Streckung. Diese Aufhebung der realistischen Proportionen, die für die Kunst des Expressionismus kennzeichnend war, lässt sie noch stärker vergeistigt erscheinen. Man glaubt eine mittelalterliche Mariengestalt vor sich zu haben.
Schon frühzeitig wurde erkannt, dass Lehmbruck mit dieser Arbeit ein neuer Vorstoß in den Raum gelungen war. Vor allem wurde an ihr gerühmt, dass sie von jeder Seite in einer anderen Weise erscheine. Von rechts, so befand der Kunsthistoriker Eduard Trier, erblicke man eine ruhende Figur; von links jedoch werde die Bewegung veranschaulicht.
Als der aus (Duisburg-)Meiderich stammende Lehmbruck seine „Kniende“ schuf, lebte er in Paris. Auguste Rodin hatte ihn schon tief beeindruckt, dann aber kam er in Kontakt mit Matisse, Picasso Modigliani und Brancusi. In der „Knienden“ konnte er folglich die Erfahrungen der Kubisten verarbeiten. 1912 wurde seine Plastik in der Kölner „Sonderbund“-Ausstellung gezeigt, mit der die europäische Moderne erstmals einen repräsentativen Auftritt in Deutschland hatte. Der internationalen Durchsetzung der Lehmbruckschen Ideen schien nichts mehr im Weg zu stehen. Doch der Siegeszug der Rechten und die Diffamierungskampagne der Nationalsozialisten machten die Hoffnungen zunichte. So war die Ausstellung in der documenta wie eine zweite Geburt.
Aus: Meilensteine - documenta 1-12
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