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Die Öffnung zum Raum
1955 – Henry Moore: König und Königin
Zu den Werken der ersten documenta, die immer wieder gern abgebildet wurden, gehörte Henry Moores (1898 – 1986) Figurengruppe „König und Königin“. Die Bronzearbeit, von der es fünf Güsse gibt, war 1952/53 entstanden: auf einer Platte (sozusagen ein flacher Sockel) steht eine an den Kanten gerundete Bank, auf der zwei Figuren sitzen – Mann und Frau. Die beiden menschlichen Gestalten sind stilisiert. Wohl sind jeweils Kopf, Hals, Oberkörper, Arme, Unterkörper und Beine klar ausgebildet, aber die Volumina sind nur angedeutet. Die Figuren wirken flach, obwohl die Sitzhaltung und die eingefrorene Bewegung genau abzulesen sind.
Die männliche Gestalt ist etwas größer und in den Schultern breiter. Sie wäre noch überragender, wäre sie nicht leicht in sich zusammengesunken. Der englische Bildhauer selbst meinte, die männliche Gestalt sei entspannter und in ihrer Haltung sicherer. Man kann aber auch sagen, sie wirke erschöpfter: nach vollendeter Arbeit fällt die Last ab. Die weibliche Figur hingegen sitzt aufrechter, angestrengter und würdiger.
Überraschend an der Figurengruppe sind die unterschiedlichen stilistischen Elemente: Die Körper sind flächig reduziert, an ihnen fasziniert die elegante, grafisch zugespitzte Form. Im Gegensatz dazu sind die Hände und Füße realistisch detailliert ausgeformt. Im Zusammenhang mit dieser Arbeit modellierte Moore eigenständige Skulpturen, in denen er zwei Hände zueinander in Beziehung setzte. Dazu schrieb er: „Wie die meisten Bildhauer vor mir, hatte ich stets eine Vorliebe für Hände.“ Das spürt man auch an diesen beiden Figuren. Die vollplastische Form der Hände und Füße verführt die Betrachter dazu, die Figuren insgesamt realistischer zu sehen, als sie sind.
Die eigenwilligsten und rätselhaftesten Elemente sind die Köpfe. Moore hat sie selbst kommentiert: „Der Schlüssel zu dieser Gruppe ist vermutlich der Kopf des Königs. In seiner Kombination von Schädel, Krone, Bart und Gesicht symbolisiert er eine Mischung von primitiven Königtum und etwas Animalischem, Panhaften.“ Vor allem der Kopf des Königs ist Symbol und Zeichen, in ihm verschmelzen die Attribute, die ihn zugleich als etwas Besonderes herausheben. Geradezu irritierend wirken die Augenlöcher in den Köpfen, die das Profilhafte der Gesichter betonen. Henry Moore hat mit dieser Ausformung ein Prinzip übernommen, das Pablo Picasso in vielerlei Gestalt ausprobiert hat – nämlich einen Kopf in mehreren Ansichten zu zeigen.
Die Augenlöcher deuten eine Entwicklungslinie Moores an, die in den folgenden Jahren sein Werk gegenüber anderen auszeichnen sollte: Er öffnete seine Skulpturen zum Raum hin, bezog den Raum als ein Gestaltungselement mit ein. Nun vollzieht sich plastische Arbeit stets in Beziehung zum Raum. Eine Skulptur zeichnet sich gegenüber einem Bild oder einem Relief dadurch aus, dass sie frei im Raum stehen und von allen Seiten betrachtet werden kann. Moore ging aber einen Schritt weiter und öffnete die plastischen Formen, zergliederte sie und machte somit den Umraum zu einem gestaltenden Element. Unübersehbar wurde das später in seinen Großskulpturen wie „Zwei Formen“ oder „Große Spindel“, bei denen sich Durchblicke ergaben oder die sogar in zwei eigenständige plastische Formen zerfielen, die dennoch aufeinander bezogen waren.
In „König und Königin“ deutet sich dieser Weg an. Die Augenlöcher verschaffen Durchblick, und die beiden Figuren sind einander zugeordnet, bleiben aber getrennt. Das sie Verbindende ist die Bank, auf der sie sitzen.
Henry Moore wurde in der documenta als der Repräsentant der englischen Bildhauerkunst gefeiert, die man bis dahin kaum kennen gelernt hatte. Moore hat zwar eine Vielzahl sitzender Figuren gestaltet, „König und Königin“ blieben aber in dieser Komplexität einzigartig. Dennoch steht die Figurengruppe für ein Gestaltungsprinzip, das Moore über Jahrzehnte verfolgen sollte: Mit großer Beständigkeit arbeitete er an Skulpturen, an denen er Paarbeziehungen vorführen konnte. So wie bei „König und Königin“ eine Spannung dadurch entsteht, dass die beiden Figuren zusammengehörig sind und doch sich nicht einander zu wenden, so dachte er auch noch über Beziehungen nach, wenn er zwei abstrakte Formen als eine Einheit schuf.
Aus: Meilensteine - documenta 1-12
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