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Die verweigerten Bilder
In der Modernen Abteilung des Kunstmuseums ist die Stirnwand eines Raumes schwarz-grau eingefärbt worden. Alles, was sich an und auf dieser Wand befindet, einschließlich des Türrahmens und der Leisten ist in die Übermalunq mit einem Graphitstift einbezogen worden. Die gleiche Einfärbung prägt ein an dieser Wand hängendes, großformatiges Bild. Bildet die Leinwand getreu die Erscheinungsform der Wand ab? Oder hat die Bemalung des Bildes masernartig auf die Wand übergegriffen?
William Anastasi, amerikanischer Künst1er, der innerhalb seiner Ausstellung diese Wand gestaltet hat, läßt den Besucher bewußt mit seinen Fragen allein. Sein Konzept ist, so könnte man verkürzt sagen, die Reflexion über das Sichtbare in Gang zu setzen. Er will keine Antworten geben, sondern Anstöße, die den Betrachter auf sich selbst zurückverweisen. Indem Anastasi eine ganze Wand einschließlich des darauf hängenden Bildes gleichförmig übermalt oder indem er eine weiße Rauhfasertapete mit weißen Papierblättern überklebt, verweigert er Bilder, um den Betrachter in ein Verwirrspiel um das Verhältnis von Kunst und Realität einzubeziehen.
Kunst und Realität scheinen im Falle der übermalten Wand oder der Video-Installation (in der auf zwei Monitoren die Bilder von zwei Monitoren zu sehen sind) deckungsgleich zusammenzufallen. Die Graphit-Einfärbung der Wand etwa ist vom selben Realitätsgehalt bestimmt wie der des Bildes. Und doch: Die anscheinende Identität der Realität und ihrer Abbildung läßt die unaufhebbare Differenz zwischen den beiden Ebenen deutlich werden. Das Abbild kann in Beziehung zu seinem Vorbild nie dessen Qualität erreichen.
William Anastasi greift damit eine Fragestellung auf, die heutzutage viele Künstler beschäftigt und die insbesondere im Bereich der künstlerischen Fotografie zu faszinierenden Bildserien geführt hat. Anastasi, der sein Thema auf den verschiedensten Ebenen durchspielt (Video, Foto, Sprache, Material), gelangt auch in der Fotografie zu den schlüssigsten Aussagen, obwohl oder weil er die Fotografie an sich für tot hält, An mehreren Polaroidserien führt er das Spiel mit der schier endlosen Kette der Bilder vom Spiegelbild vor. Ausgangspunkt ist ein Stück fotografierte Wand, auf der sich dann die Fotos aneinanderreihen.
Man braucht viel Ruhe und Geduld für die Ausstellung. Wer sich einläßt auf diese sich so arm gebende Kunst, wird nicht nur etwas zum Verhältnis von Kunst und Realität erfahren, sondern wird dies auch als Seh-Schule begreifen.
Rheinische Post 13. 7. 1979
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