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Kunst und Provokation
Skandale - wann gibt es die schon? Lange mußten die Menschen vergeblich um die Duldung abweichender Meinungen und Handlungen kämpfen. Jetzt, so scheint es, haben wir eine Toleranz, die alles zuläßt und hinnimmt. Der Versuch, heutzutage Anstoß zu erregen und Gegenmaßnahmen zu veranlassen, setzt schon höchste Anstrengungen und unmöglichste Ideen voraus.
Die Provokation, die vor 20, 30 Jahren noch wirkte, geht ins Leere. Die täglichen Bekenntnis-Talkshows im Fernsehen machen den Wandel auf beängstigende Weise sichtbar. In der Vergangenheit war die Kunst - und vor allem die documenta - immer für eine Provokation gut. Es gehörte schlicht zum guten Ton der documenta, Anstoß zu erregen. Mal war es die Skulptur aus rostendem Stahl von Serra, dann waren es die Basaltblöcke von Joseph Beuys für die Aktion „7000 Eichen“.
Die documenta X hatte zwar im Vorfeld von ihren Rändern her für viel Aufregung gesorgt, sie hatte auch heftigsten Widerspruch bei Teilen der Kritik hervorgerufen, doch den richtigen Skandal, die große Provokation, hatte sie bisher versagt. Da kam am vorigen Wochenende die 48-Stunden-Aktion von Christoph Schlingensief gerade recht: Die mißtrauisch aus Distanz äugenden Bürger fanden sich darin bestätigt, daß die documenta den Kunstbegriff als Freibrief für die größten Perversitäten nutze, und die Schlingensief-Freunde konnten in der Gewißheit heimkehren, Kassel habe sich erneut als kleinbürgerliche Provinz bestätigt.
Zuallererst muß man wissen, wovon man redet: Die Kunst ist der Raum, in dem schadlos alles ausprobiert werden kann - auch gegen die gesellschaftlichen Normen. Indem die Kunst diesen Freiraum ermöglicht, wird aber nicht alles, was unter ihrem Mantel passiert, zur Kunst.
Das Problem des Christoph Schlingensief ist dreifacher Art: Er hält das heutige Deutschland für kleinmütig und hoffnungslos faschistisch, er hat für die Darstellung seiner Meinung noch keine angemessene Kunstform gefunden und er arbeitet mit den Mitteln der künstlerisch-politischen Provokation. Gefährlich wird er dadurch, daß er mit seinen Aktionen genau diejenigen bestärkt, die zu bekämpfen er vorgibt.
Das stört ihn nicht. Im Gegenteil: Er nimmt es als Bestätigung, wenn er die Meinungen und Handlungen fördert, die er der Gesellschaft vorwirft. Insofern hätte er Kassel enttäuscht verlassen, hätte er den Einspruch und das Einschreiten der Polizei nicht erreicht.
Wer Schlingensief zu Aktionen und Aufführungen einlädt, weiß, worauf er sich einläßt: Erst der zur Weißglut gebrachte Bürger verschafft ihm Befriedigung. Das sind alte und verbrauchte Muster. Sie bringen weder die Kunst noch die Gesellschaft weiter. sondern fördern nur das Unbehagen. Sind wir schlauer geworden? Kaum. Jetzt wissen wir lediglich, daß Kunst und Leben nach wie vor in Kassel hart aufeinanderstoßen und daß die unmäßigc Provokation immer noch als Skandal verstanden wird.
HNA 6. 9. 1997
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