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Über den Körper zur Welt
Aus einem rund 50jährigen künstlerischen Wissensvorrat kann die Österreicherin Maria
Lassnig (Jahrgang 1919) schöpfen, die jetzt zum zweiten Mal an der documenta teilnimmt.
Sie schien ein Kind des Zeitgeistes zu sein, als 1982 ihre Bilder in der documenta 7 zu
sehen waren: Die unmißverständliche Figürlichkeit, die irritierenden Farben und die Heftigkeit des Ausdrucks ihrer Arbeiten paßten genau zu dem, was damals als junge und wilde Malerei im Schwange war. So wurde auch leichthin übersehen, daß Maria Lassnig zur Mütter-Generation der Jungen gehörte und daß ihre expressiven Kompositionen einen anderen Hintergrund hatten als das, was damals im Widerspruch zu Abstraktion und Konzept-Kunst entstand. Maria Lassnigs
künstlerischer Weg war einfach kurzzeitig parallel zu einem Trend verlaufen, hatte mit ihm selbst aber wenig zu tun.
Die Österreicherin ist Zeichnerin und Malerin durch und durch. Bereits vom 6. Lebensjahr an hatte sie regelmäßig Zeichenunterricht. Das Handwerk beherrschte sie also, bevor ihr Talent entdeckt wurde. Ihre künstlerischen Anfänge liegen noch in der Nazi- und Kriegszeit. So ereilte sie das Urteil, „entartete Kunst“ zu produzieren, bevor sie zu sich selbst gefunden hatte.
Erst nach dem Krieg, in der Auseinandersetzung mit den Meistern der Moderne, fand Maria Lassnig dann ihren Weg. Der war kurvenreich und durchaus widersprüchlich. Surrealistisches brachte sie hervor, phantastische Erfindungen, und Abstraktes. Schon in den 50er Jahren schwankte sie zwischen freier Ausformung und erzählerischer Natur. Diese beiden Pole sollten bestimmend für sie bleiben. Doch war und ist es nicht Willkür, die sie die Ausdrucksformen wechseln läßt, sondern eine von innen bestimmte Auseinandersetzung mit sich und der Welt.
Wie die Expressionisten Kirchner und Heckel folgt sie in der Farbgebung beim Malen nicht den Eindrücken, die das Auge aus der Natur empfängt, sondern den Empfindungen und Gefühlen. „Es hat sich,“ so schrieb sie 1994 für einen Katalog, „seit nunmehr 45 Jahren nicht geändert, dass ich beim malen und zeichnen von derselben Realität ausgehe - von dem physischen Ereignis der Körperempfindung. Die Orte der Empfindungskonzentrationen zu finden, und zwar abgelöst von dem empirischen Erinnern durch die Augen, ist noch immer nicht so leicht.“ An anderer Stelle schrieb sie:
„Die Stirne bekommt eine Gedankenfarbe, die Nase eine Geruchsfarbe, Rücken, Arme und Beine Fleischdeckenfarbe…“
Über ihren Körper und dessen gefühlsmäßige Wahrnehmung erschließt sich Maria Lassnig einen Zugang zur Welt. Auf diese Weise wird es unerheblich, ob sie einen Frauenkörper lustvoll oder quälend darstellt oder ob sie ihn zu einem fast abstrakten Zeichen deformiert oder sich selbst in eine Tierform oder einen Alltagsgegenstand hineinprojiziert. Denn nicht die Augen bestimmen den Weg, sonder das Gefühl des Körpers, der jeden Augenblick sein Verhältnis zur Welt neu definiert. Das Ich steht im Zentrum und ist doch auch Empfänger für die Impulse der Außenwelt.
HNA 30. 4. 1997
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