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Monitoring 2009
Parallel zum 1983 gegründeten Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest entwickelte sich die aus dem Festival hervorgegangene Medienausstellung „Monitoring“ zu einer internationalen Plattform vornehmlich für die Videokunst. Wie begehrt die Ausstellung trotz ihrer kurzen Laufzeit ist, beweist die Tatsache, dass die Jury die 16 gezeigten Arbeiten aus rund 300 eingereichten Konzepten auswählen konnte. Die seit einem Jahrzehnt von dem Kunsthistoriker Holger Birkholz geleitete Ausstellung setzt mittlerweile Maßstäbe, wenn es um die Erkundung der Möglichkeiten und Grenzen der Medieninstallationen geht. Zur Beliebtheit der vom Filmladen Kassel, der das Filmfest ausrichtet, und vom Kasseler Kunstverein organisierten Ausstellung hat sicherlich die hervorragende Dokumentation beigetragen, denn das Film-Programmheft enthält auch einen 18-seitigen Katalog zu „Monitoring“ (http://www.filmladen.de/dokfest/programm-5/). Schauplatz war neben dem Kunstverein der Kulturbahnhof.
Entstanden war eine Ausstellung, in der sich die politischen und gesellschaftskritischen Beiträge am stärksten durchsetzten. Die wohl eindringlichste Arbeit stammte von Marina Abramovic, die sich mit der Allgegenwärtigkeit von Gewalt und Krieg auseinandersetzt und durch die vielen laotischen Kinder, die mit realistisch wirkenden Waffen spielen, zu der Video-Erzählung „8 Lessons on Emptiness with a Happy End“ (Laos 2008) angeregt wurde. Abramovic animierte laotische Kinder, ihre Kriegsspiele zu inszenieren, um dann in dem allerdings zu sehr aufgesetzten Happy End die Spielzeugwaffen verbrennen zu lassen. Trotz dieser Einwände war es die emotional stärkste Arbeit - mit ihren streng symmetrisch angeordneten fünf Bildschirmen auf der Hauptwand und dem einen Standbild, auf dem die Künstlerin inmitten der Kinder als Soldatin zu sehen war.
Daneben beeindruckten die Arbeiten, die das Medium Film reflektieren und damit eine besondere Art der Wirklichkeitsspiegelung vollziehen. Die künstlerischen Konzepte bewegten sich zwischen zwei Polen – die Erwartungen zu täuschen oder doch zu erfüllen. Bemerkenswert ist, dass gleich mehrere Arbeiten Ton und Bild trennten und gesondert verarbeiteten oder auf die Musik- und Sprachebene ganz verzichteten.
Unter den 16 Arbeiten wurde die Installation „Home“ von Sophie Ernst (Sharjah 2009) in Kassel mit dem Golden Cube (2500 Euro) ausgezeichnet. Die Installation baut auf die erzählten Erinnerungen von Menschen aus dem nahen und fernen Osten, die ins Exil gehen mussten. Sie sprechen von ihrem Land und dessen Mythen und beschreiben ihre Heimat und ihr früheres Zuhause. Über Kopfhörer erfährt man von fünf Schicksalen. Die Kopfhörer sind an Stelen befestigt, auf denen man Modelle der Häuser und Landschaften sieht, über die berichtet wird. Auf die Modelle werden von oben Videobilder projiziert, die mal zeigen, wie eine Hand mit einem Stift die Beschreibungen visualisiert, und die ein anderes mit alten Fotos die Modelle überdecken. Die Arbeit von Sophie Ernst ist artifiziell und didaktisch angelegt. Mit den sich zuweilen überblenden Projektionsebenen gelingt es aber der Künstlerin, die Komplexität der Erinnerungen und die Vielschichtigkeit der Erzählungen anschaulich werden zu lassen. So wird die Sprache, die anscheinend die Hauptlast trägt, zugunsten der verschränkten Bilder zurückgedrängt. Insofern ist sie sehr wohl preiswürdig.
Auch Candice Breitz spielt mit der Sprache. Die aus Südafrika stammende Künstlerin ist zuletzt mit großformatigen Videos aufgefallen, die den Starkult in den Medien reflektieren. In ihrer in Kassel präsentierten Arbeit „Factum Kang“ (Toronto 2009) konzentriert sie sich auf ein Zwillingspaar. Auf zwei hochkant gehängten Bildschirmen, die eine Einheit bilden, zeigt sie zwei Mädchen, die in nahezu identischer Kleidung und gleicher Umgebung von sich berichten. Die Bilder geben dem Zwillingspaar eine zwingende Präsenz voller Entsprechungen und Übereinstimmungen. Gleichwohl wird diese Doppelidentität dadurch ins Wanken gebracht, dass Candice Breitz die aus der Befragung hervorgegangenen Aussagen der Mädchen in kleine Segmente zerschnitten und zu einem Scheindialog montiert hat: obwohl die Mädchen eigentlich aneinander vorbeireden, scheinen sie sich zu unterhalten. Die Frage nach der Identität, die so einfach wirkt, erweist sich als kaum beantwortbar. Candice Breitz bezieht sich übrigens in ihrer optisch überzeugenden Installation auf eine frühe Arbeit von Robert Rauschenberg, der unter dem Namen „Factum“ zwei identische Bilder schaffen wollte.
Mit der Identität wird auch der Bezug zur Wirklichkeit brüchig. David Sarno verdeutlichte das in seiner Arbeit „Wie ich lernte den großen Augenblick der Erkenntnis durch ein schlichtes Ach so! aufzuwerten“ (Offenbach 2008) auf spielerische Weise: Unter einem Bildschirm war eine Kamera auf die Zuschauer gerichtet. Die erwarteten, sich nun – zusammen mit anderen Personen im Raum zumindest zeitverzögert – zu sehen. Aber es war nur ein geschlossener Kreis von Personen, der auf dem Bildschirm erschien – nämlich die Mitglieder des Teams, die mit ihren realen Auftritten vor der nicht laufenden Kamera darüber hinwegtäuschten, dass vorproduzierte Filme gezeigt wurden. Ähnlich spielerisch gingen Catrine und Olaf Val in „Ich bin ein Anderes“ (Kassel 2009) vor, die auf einem Bildschirm Miss-Kandidatinnen aus dem Internet präsentierten, die man bewerten konnte. Parallel waren auf einem größeren Bildschirm nahezu identische Bilder zu sehen, denn Catrine Val spielte mit wechselnden Kostümen und Perücken die Kandidatinnen nach. Ein Spiel mit dem Medium servierten auch Nika Oblak und Primoz Novak in „The Box“ (Ljubljana 2009): Zwei in eine Box eingesperrte Personen schlagen und treten gegen die Wände. Und sie scheinen die gefilmte Realität tatsächlich zu überwinden, denn da, wo sie die Wand treffen, beult sie sich nach außen auf. Die Grenze zwischen Video und Wirklichkeit geht verloren.
Wir sind längst Gefangene einer Medienwelt, die fast nur in vorgeprägten Bildern denken und fühlen können. Mascha Dancis führte das auf mehreren Bildebenen in „Ideal“ (Kassel, Hamburg 2009) vor, indem sie alte russische und amerikanische Filmromanzen nachstellte. Auch Nadja Verena Marcin knüpfte mit „Singing in the Rain“ (Los Angeles 2008) an ein Filmvorbild an. Allerdings stellte sie die legendäre Sequenz mit dem eleganten Gene Kelly auf den Kopf, indem sie im fast peinlichen hautfarbenen Kostüm über Plätze und durch Brunnen tanzte.
Aber was nutzen Kameras und Wirklichkeitsrecherchen, wenn sich die Realität dem Bild entzieht? Rotraut Pape etwa arbeitet an einer Langzeitdokumentation zur Berliner Mauer („Die Mauer“, Berlin 1989-2009), die sie in Kassel als eine Video-Mauer vorstellte und dabei plausibel machte, wie die einstige Grenzbefestigung allmählich in der Unkenntlichkeit verschwindet. Und in der Installation „Vektor“ (Zürich 2009) von Goran Galic und Gian-Reto Gredig verschwindet die Kairoer Stadtlandschaft in den versprühten Insektenvernichtungswolken.
Ein Ausnahmebeitrag stammte von Ignas Krunglevicius („Interrogation“, Oslo 2009). Er setzte ein Polizeiverhör in weiß-schwarze Schriftbilder um, die an die Wand geknallt wurden. Die Besucher wurden förmlich in das Verhör einbezogen und unter psychischen Druck gesetzt, weil die Dialogfetzen mit einem penetranten Geräuschpegel unterlegt wurde.
November 2009 für Kunstforum
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