Doch nur Kunst – und ohne Folgen?

Die dOCUMENTA (13) ist die documenta, die am stärksten von inhaltlichen Fragestellungen ausgeht. Sie ist im höchsten Maß politisch und sie zielt mit kämpferischen Ton auf Probleme und Konflikte hin. Sie ist oft dabei Partei.

Für ihren politischen Ansatz hat die dOCUMENTA (13) viel Lob geerntet. Wäre das Lob als Bestätigung für die Dringlichkeit der Konflikt-Darstellungen zu verstehen, müsste auf vielen Feldern eine lebhafte und kontroverse Debatte im Gang sein.

Aber wo gibt es die Debatten? Ich sehe sie nicht. Wohl wird kontrovers über das Wahlrecht für Erdbeeren gealbert, dabei weiß jeder, dass der Ruf danach nur eine zugespitzte Pointe war.

Die eigentlichen Konfliktlinien aber werden offenbar unter der Rubrik Kunst/Ästhetik abgelegt und nicht weiter bearbeitet.

Dabei fordern mehrere documenta-Arbeiten geradezu heraus.

Nehmen wir Amy Balkin und ihre Bemühungen, die Erdatmosphäre auf die Welterbeliste der Unesco setzen zu lassen.
Nun könnte man meinen, der Versuch sei ein Witz, denn die Verschmutzung der Erdatmosphäre könne nie und nimmer von einem Tag auf den anderen eingestellt werden. Immerhin wäre eine solche Ansicht eine Position.
Wenn man aber mit den über 50.000 documenta-Besuchern der Meinung ist, Bundesumweltminister Peter Altmmaier müsste dazu angestiftet werden, sich so radikal für die Erdatmosphäre einsetzen, dann fragt man sich, wieso alles nur angesichts der Installation im Museum Fridericianum diskutiert wird. Wo bleibt die öffentliche Debatte darüber, wo das Interview mit dem Minister oder das Gespräch mit den Verantwortlichen der Unesco?

Oder Emily Jacir. Sie hat nicht nur das Schicksal der Landesbibliothek studiert, die im Fridericianum untergebracht war, als das Gebäude 1941 zerstört wurde, sondern sie hat ihren Ausstellungsbeitrag dem Schicksal von 30.000 Büchern gewidmet, die einst palästinensischen Bibliotheken gehörten und die 1948, wie Emily Jacir sagt, von den Israelis geplündert wurden. Demnach sind heute 6000 dieser Bände im Besitz der Jüdischen Nationalbibliothek – als herrenloses Gut bezeichnet. (Die Künstlerin hat jeweils die Seite aus einem dieser Bände fotografiert, auf der die Zueignung zu sehen ist). Wenn das alles so stimmt, wie behauptet wird, dann wäre das ein Skandal, dann müsste eine Auseinandersetzung um die Zukunft der Bücher aus palästinensischen Besitz geführt werden.

Oder Anibal Lopez. Der aus Guatemala stammende Künstler ließ aus seinem Heimatland anonym einen Auftragskiller nach Kassel bringen, um ihn hier zu seiner tödlichen Arbeit zu befragen. Lopez tat das, um darauf aufmerksam zu machen, wie katastrophal und bedrohlich das Leben in Guatemala sei. Müsste nicht die Präsentation des Videos einen Aufschrei provozieren – darüber nämlich, dass es doch nicht sein kann, dass einer das Töten auf Verlangen zum Beruf macht, oder darüber, wie eigentlich die Zustände in Guatemala sind, oder darüber, dass an den Polizeibehörden vorbei ein Auftragskiller nach Kassel kommen und wieder heimkehren konnte?

Drei von vielen Beispielen aus der Ausstellung, die fragen lassen, ob das Lob für die politisch-kritische Fragestellungen nur eine feuilletonistische Spielerei sei und ob das Einlassen auf die Wirklichkeit außerhalb der dOCUMENTA (13) nur ein Muster ohne Wert ist.

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