„Jeder will das Gebäude ganz“

Anhörung zur Nutzung des Fridericianums – Ist der Kompromiß tragfähig?

Mit einer fünfstündigen Experten-Anhörung läutete gestern der Magistrat der Stadt Kassel eine neue Diskussionsrunde im Streit über die Nutzung des Museums Fridericianum ein. Die Meinungen darüber, ob der 1979 geschlossene Kompromiß (siehe linker Kasten) weiterhin tragfähig sei, prallten zeitweise heftig aufeinander.
Der Magistrat hatte zu der Anhörung 19 Kunst- und Museumsexperten gebeten, von denen allerdings elf abgesagt hatten. Eingeladen waren auch die Fraktionssprecher sowie die Repräsentanten der Staatlichen Kunstsammlungen, der documenta GmbH und des Staatsbauamtes. Es entwickelte sich aber weniger ein Frage- und Antwortspiel als eine kreuz und quer durch den Raum laufende Diskussion. Folgende Kernaussagen schälten sich dabei heraus:

Manfred Schneckenburger (Leiter der documenta 6) wandte sich gegen den Kompromiß, weil dieser die Symmetrie des Fridericianums des Gebäudes aus den Angeln hebe. Da das technische Museum auch während der documenta in Teilen des Fridericianums präsent sein solle, heiße „die Alternative documenta oder nicht documenta“. Man könne sich auch gut das gesamte Fridericianum als ein großes technisches Museum vorstellen, doch die halbe Lösung sei keine.

Rudi Fuchs (Leiter der documenta 7) plädierte in ähnlicher Weise: „Jeder will das Gebäude ganz.“ Wenn die documenta aber nicht das ganze Fridericianum erhalte, werde sie in Kassel heimatlos. Seiner Ansicht nach solle das Haus zwischen den documenten als ein Museum junger Kunst genutzt werden. Es gebe viele Mäzene, die ein solches Projekt unterstützen würden.

Alfred Nemeczek (Kunstkritiker) äußerte die Befürchtung, daß das technische Museum das Fridericianum einmal für documenta-Zwecke räume und dann nie wieder. Er warb für den Plan, die astronomisch-physikalische Sammlung in der Neuen Galerie zu zeigen und das Fridericianum zwischen den documenten als Kunstmuseum für das 20. Jahrhundert zu verwenden.

Volker Rattemeyer (Gesamthochschule Kassel) stellte das Konzept für das technische Museum in Frage. Er meinte, Großgeräte wie eine Henschel-Lok gehörten eher in eine alte Fabrikhalle auf dem ehemaligen Henschel-Gelände. Darüber hinaus forderte er eine Aussteflungsplanung für die Zeit zwischen den documenten.

Wolfgang Ziegler (documentaGeschäftsführer) erinnerte an das Interesse anderer Städte, etwas Vergleichbares wie die documenta zu inszenieren. Wenn das Fridericianum nur als Rumpfstück zur Verfügung stehe, sei documenta in Kassel nicht denkbar.

Heiner Georgsdorf (Kasseler Kunstverein) bezweifelte ebenfalls die Tragfähigkeit des Kompromisses. Seiner Vorstellung nach sollten zwischen den documenten archivierte Abteilungen der Staatlichen Kunstsammlungen ausgestellt werden.

Carola Eisenbeis (Museumsverein Kassel) meinte, daß man alles tun müsse, um die documenta in Kassel zu halten, daß andererseits aber viele wertvolle Kunstschätze aus den Depots geholt werden müßten. Ihr erschien der Kompromiß als tragfähig.

Ludolf von Mackensen (Leiter des Astronomisch-Physikali sche Kabinetts) wandte sich entschieden dagegen, immer wieder getroffene Vereinbarungen in Frage zu stellen. Nun müsse man bei dem gefundenen Kompromiß bleiben. Aus historischer Sicht sei das Fridericianum für Kassel das ideale Gebäude für
eine naturwissenschaftliche Sammlung. Beim bisherigen Ausbau seien schon viele Millionen für diese Zweckbestimmung investiert worden. Ein eigenes Technikmuseum auf anderem Gelände wäre zu teuer.

Lothar Suhling (Landesmuseum für Technik, Mannheim) würdigte die Schätze, die in einem technischen Museum im Friciericianum ausgebreitet werden könnten. Der Kompromiß sei vertretbar und könne Kunst und Technik gut zusammenbringen.

Ulrich Schmidt (Direktor der Staatlichen Kunstsammlungen Kassel) wies daraufhin, daß in diesem Museumskomplex Kunst und Technik nicht im Gegensatz zueinander stünden. Man müsse darüber nachdenken, wie die Sammlungen insgesamt zu entwickeln seien; die Neue Galerie könne aber nur zu einem Museum der modernen Kunst werden, wenn die documenta am Ort bleibe.

Hans Eichel (Kassels Oberbürgermeister) schloß jedes Entweder-Oder zwischen Technikmuseum und documenta aus. Für ihn ist der Kompromiß jedoch ein institutionalisierter Konflikt, den es auszuräumen gelte. Daher sollte mit einem Teil der vorgesehenen Ausbaumittel an anderer Stelle ein Technik-Museum ermöglicht werden.


Kommentar

Wieder hoffen

Ludolf von Mackensen, der im Museum Fridericianum ein technisches Museum einrichten will, empfand die Anhörung als „Tribunal“. Nicht zu Unrecht: Der unselige Kornpromiß von 1979 wurde zum unerbittlich Angeklagten.
Aber es war eben auch nur dieser Kompromiß, der attackiert wurde, und nicht etwa die naturwissenschaftliche Sammlung oder deren Anspruch, ein Museum zu beziehen. Bisweilen kam in der Diskussion der Gedanke zu kurz, daß gegen die Teilung des Fridericianurns in Technik-Museum und Kunsthalle nichts einzuwenden wäre, wenn das Museum nicht an vier verschiedenen Stellen des Gebäudes auch während der documenta-Zeit Bastionen behalten wollte.
Dieses Vorhaben aber genau ist ein Unding und Ärgernis. Wenn nicht das ganze Fridericianum der documenta zur Verfügung steht, wird diese nicht überleben. Dann gäbe es keinen Grund mehr für den Standort Kassel. Und es ist abzusehen, daß die Kunstexperten, die heute und morgen einen neuen documenta-Letter ausgucken wollen, dies unmißverständlich erklären werden.
Der Kasseler Dauerstreit krankt daran, daß dieses Verhältnis zu Kunst und Raum auf der Seite der Kompromiß-Verteidiger nicht ausgeprägt scheint. So standen sich nicht nur zwei Meinungen, sondern zwei Welten gegenüber.
Der Magistrat, der sich von der Anhörung neue Einsichten erhofft hatte, erhielt zwar viel Schutzenhilfe, doch nur in der bekannten Art. Nun muß er handeln und mit den Direkt- Betroffenen einen neuen Weg suchen. Er steht dabei nicht ganz allein: Das Land hat sich (als Hausherr des Fridericianums) im Hinblick auf die Diskussion in Kassel zu einem vorübergehenden Planungsstopp entschlossen. Man kann wieder hoffen.

HNA 25. 2. 1983

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