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Die Kunst der Inszenierung
Zum zweiten Mal will die documenta mit Pavillons in der Karlsaue ihr Ausstellungsangebot erweitern
KASSEL. Als Prof. Hermann Mattern für das Jahr 1955 die Bundesgartenschau in Kassel plante, dachte er daran, eine Kunstausstellung einzubeziehen. Er schlug vor, in der Karlsaue in Zelten Kunstobjekte zu zeigen. Sein Kollege Prof. Arnold Bode griff die Ausstellungsidee gern auf, doch er lehnte die Vorstellung ab, mit der Kunst in Zelte in der Aue zu gehen. Er zog das Museum Fridericianum vor, das nach der Zerstörung provisorisch wiederhergestellt wurde.
Nun, 52 Jahre später, wählt documenta-Leiter Roger Buergel nahezu den umgekehrten Weg. Zwar nutzt er auch das Fridericianum, verlegt aber das Hauptgewicht seiner documenta 12 in die Karlsaue, in der zwar keine Zelte, aber provisorische Pavillons mit einer Gesamtfläche von rund 10 000 Quadratmetern errichtet werden sollen. Buergel wünscht sich diese zusätzlichen Flächen nicht deshalb, weil er so viel mehr Künstler eingeladen hat, sondern weil er angesichts der Besucherströme großzügige Räume anbieten will.
Buergel glaubt, dass die transparenten Pavillons, die im wechselnden Tageslicht ihre Wirkung verändern, zu einer Attraktion der Ausstellung werden. Aber mehr als die Form der gewächshausähnlichen Bauten reizt ihn die Möglichkeit, durch die Konfrontation von Werken verschiedener, aber zueinander passender Künstler sein Vermittlungskonzept in der Ausstellung ablesbar zu machen. Das heißt: Sollte das Pavillonprojekt aus Finanzgründen doch noch scheitern, würde das Ausstellungskonzept in sich zusammenbrechen. Dann würde möglicherweise nur eine konventionelle Ausstellung im Fridericianum und der Neuen Galerie übrig bleiben. Aber daran will der Visionär Buergel nicht denken. Buergel plant seine Ausstellung auf einem Fundament politisch-gesellschaftlicher Fragestellungen. Doch die Schau selbst wird durch die Kunst der Inszenierung geprägt.
Damit knüpft die documenta von 2007 an die von Arnold Bode begründete Tradition an. Bodes Umgangsweise mit Kunst trug entschieden dazu bei, dass wir heute den aus dem Theater stammenden Begriff Inszenierung auf Ausstellungen anwenden.
Denn dass die documenta 1955 ein so großer Erfolg wurde, hatte wesentlich damit zu tun, dass Bode die Bilder im Fridericianum auf den weiß gekalkten Wänden zeigte, zum Kontrast schwarze Plastikvorhänge installierte, das Fensterlicht durch transparente Vorhänge dämpfte und einige Bilder wie Skulpturen auf Stahlständer montierte. Auch die Skulpturen-Schauen in den Orangerie-Ruinen (1959 und 1964) waren Meisterwerke der Inszenierung.
Spätere documenta-Leiter setzten die Tradition fort. So Jan Hoet 1992, der mit provisorischen Pavillons in die Aue ging. Die von Paul Robbrecht erbauten fünf Eisenbahnwagen ähnlichen Pavillons boten 1000 Quadratmeter Ausstellungsfläche. Wenn man liest, was Hoet schrieb, ist man nah bei Buergel: „Ich wollte eine Art Freizeitgelände schaffen, wo man sich auseinandersetzt mit Licht und Landschaft, Park, Kultur und auch mit Architektur.“
HNA 11. 1. 2006
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