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Die Suchmaschine vor Ort
Ein 40-köpfiger Beirat bringt die documenta 12 enger in Kontakt mit der Stadt Kassel und ihren Bewohnern
Von Werner Fritsch und Dirk Schwarze
Kassel. Die documenta 12 wird mehr als frühere Ausstellungen die Stadt Kassel und ihre Bewohner in den Blick nehmen. Der künstlerische Leiter Roger M. Buergel hat deshalb einen 40-köpfigen künstlerischen Beirat gebildet. Wir sprachen mit der Sprecherin des Beirats, Ayse Güleç (42), und mit Wanda Wieczorek (28), Assistentin der künstlerischen Leitung.
Frau Güleç, Frau Wieczorek, was ist der Beirat der documenta 12?
Ayse Güleç: Der Beirat wurde vor einem Jahr gegründet, um die documenta 12 richtig in Kassel ankommen zu lassen. Dafür war es wichtig, dass die documenta 12 mit lokalen Experten aus Kassel zusammenkommt. Herr Buergel und Frau Noack haben den Kontakt zu verschiedenen Initiativen vor Ort gesucht. Wir vom Kulturzentrum Schlachthof sind auf das Angebot zur Zusammenarbeit eingegangen. Wir haben mögliche Mitglieder genannt, weitere Personen haben Buergel und Noack vorgeschlagen. Daraus wurde der Beirat mit etwa 40 Personen. Und beim ersten Treffen wussten wir noch nicht, auf welche Reise wir gehen.
Was ist die Aufgabe des Beirats der documenta 12?
Wanda Wieczorek: Die documenta 12 steht ja unter drei Leitfragen. Ist die Moderne unsere Antike? Was ist das bloße Leben? Und dann im Hinblick auf Bildung die Frage: Was tun? Der Beirat stellt nun seinerseits die Frage: Was bedeuten diese Leitmotive in und für Kassel?
Welche Institutionen sind vertreten?
Wieczorek: Es handelt sich um lauter Einzelpersonen. Sie vertreten im Beirat keine Institution. Dazu gibt es eine Vorgeschichte. Roger M. Buergel hat schon bei anderen Ausstellungen nach lokalen Anknüpfungspunkten gesucht. Und dabei stellte sich heraus, dass es interessanter ist, nicht mit Institutionen und Gremien zusammenzuarbeiten, sondern mit Einzelpersonen, die fachliche Kompetenzen auf verschiedenen Feldern haben und auch Multiplikatoren vor Ort sind.
Was ist der gemeinsame Nenner der Beiratsmitglieder?
Güleç: Das ist sicher das Denken, dass Kunst, Gesellschaft und Politik zusammengehören.
Bei der vorigen documenta gab es das Hirschhorn-Projekt „Bataille-Monument“, an dem Jugendliche aus der Nordstadt beteiligt waren. Knüpfen Sie an solche Projekte an?
Wieczorek: Es geht weniger um Kunst im öffentlichen Raum oder allenfalls um eine Fortentwicklung dieses Themas. Es geht mehr darum, Energien in der Stadt freizusetzen und Diskussionen auszulösen.
Güleç: Wir wollen Themen, die in der Welt wichtig sind, nicht global diskutieren, sondern wir fragen: Wie sieht es vor Ort aus? Wir gehen gegen das Gefühl an, die globalen Entwicklungen hätten nichts mit uns selbst zu tun.
Herr Buergel spricht in diesem Zusammenhang immer wieder beispielhaft von den VW-Arbeitern, die im Zuge der Globalisierung um ihre Arbeitsplätze fürchten. Sind VW-Arbeiter im Beirat vertreten?
Güleç: VW-Arbeiter nicht, aber andere Personen, die mit dem reinen Kunstthema nicht sehr viel zu tun haben, die aber ihr Wissen einbringen.
Wieczorek: Wenn es um die Frage nach dem „bloßen Leben“ geht, dann liegt es erst einmal nahe, an die Zerstörung von Kassel 1943 zu denken. Aber das Beispiel von Buergel zeigt, dass in einer Stadt mit beinahe 20 Prozent Arbeitslosigkeit die Frage nach dem bloßen Leben auch hier und heute präsent ist.
Güleç: Es gibt zwei Bewegungen: Man muss diese Themen erst einmal nahe an sich ranlassen. Und plötzlich merkt man, dass unter der Perspektive der Leitfragen die Probleme vor Ort auch eine translokale Bedeutung haben.
Was macht der Beirat, und welche Folgen hat das?
Wieczorek: Roger M. Buergel spricht in diesem Zusammenhang von einer lokalen „Suchmaschine“. Aus dem Kreis der Beiratsmitglieder fließt also etwas in die Arbeit der documenta ein, auch in das Vermittlungsprogramm.
Was heißt das konkret?
Güleç: Im Falle der künstlerischen Arbeit von Ricardo Basbaum, bei der Stahlwannen durch private Haushalte wandern, hat ein Besuch des Künstlers im Beirat dazu geführt, dass die Herstellung der Objekte Lehrlingen bei Thyssen-Krupp anvertraut wurde. In den kommenden Monaten wird es eigene öffentliche Aktivitäten des Beirats geben.
Die documenta 12 sammelt über das Zeitschriftenprojekt Erfahrungen von Menschen aus allen Teilen der Welt, die im Zusammenhang mit den drei Leitfragen stehen. Liefert der Beirat den Kasseler Beitrag zu diesem Projekt?
Wieczorek: Ja, der Beirat reflektiert analog zu den documenta 12 magazines die Leitfragen der documenta 12 vor Ort, er ist ein Resonanzraum für Kassel.
Güleç: Wichtig ist, dass möglichst viele Menschen merken, dass das, was auf der documenta passiert, etwas mit ihnen selbst zu tun hat.
HNA 19. 10. 2006
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