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Ein Ding geht auf Wanderschaft
Gestern startete in Kassel eine erste documenta-Aktion: Objekte von Ricardo Basbaum werden ausgeliehen
KASSEL. Roger M. Buergel, der künstlerische Leiter der documenta 12 (16. 6. - 23. 9. 2007), versteht es, mit den Erwartungen der Öffentlichkeit zu spielen: Da alle Welt seine Künstlerliste kennen lernen will, gab er vor einem halben Jahr den ersten und letzten Namen der alphabetisch geordneten Liste bekannt. Und auf die ständige Frage, was er wo zur documenta im öffentlichen Raum zeigen werde, präsentierte er gestern, also neun Monate vor Ausstellungsbeginn, ein Objekt, das auf ganz andere Weise im öffentlichen Raum wirksam wird, als man gemeinhin denkt.
Denn das von dem brasilianischen Künstler Ricardo Basbaum (Jahrgang 1961) entworfene weißblaue, wannenförmige Objekt, das Buergel regelmäßig nur „Ding“ nannte, wird im öffentlichen Raum nicht aufgestellt, sondern wandert ab sofort durch Wohnungen und Büros, wo es als Sammelbox, Aquarium oder Servierschale benutzt werden kann. An jeder Station soll das Objekt, das in einer Serie von 20 Stück angefertigt wurde, für einen Monat bleiben, bevor es an die nächste Adresse weitergereicht wird.
Basbaums Idee ist, das schalenartige Objekt mit der kreisrunden Öffnung im Zentrum an Einzelne oder Gruppen zu geben und es den Betreffenden zu überlassen, in welcher Form sie es mit Vorstellungen füllen und wie sie es nutzen. Allerdings werden diejenigen, die an dem Projekt „Would you like to participate in an artistic experience?“ (Würden Sie gern an einer künstlerischen Erfahrung teilnehmen?) beteiligt sind, gebeten, ihren Umgang mit dem Objekt in Text und Bild zu dokumentieren. Diese Erfahrungsberichte sollen auf der Website www.nbp.pro.br veröffentlicht werden.
Ricardo Basbaum ist ein Künstler, der in vielen seiner Projekte das Publikum beteiligt. In seiner Arbeit bezieht er sich stark auf Lygia Clark, die 1997 in der documenta erstmals ausführlich vorgestellt wurde und deren Arbeiten sich intensiv mit den Grenzerfahrungen von Körper und Außenwelt, von Berührung und Ferne auseinander setzen. Auch Basbaum zielt in diese Richtung, indem er den künstlerischen Prozess umkehrt: Er gibt keine Inhalte vor, sondern bietet eine Form an, die von den anderen mit Gegenständen und mit Sinn gefüllt werden soll. Und indem die Objekte weitergereicht werden, entsteht eine Kette von Beziehungen von Menschen, die sonst nichts miteinander zu tun haben. Ein erstes Mal hatte Basbaum 1994 eine solche Aktion gestartet. Zehn dieser Objekte werden in Brasilien hergestellt und in Lateinamerika in Umlauf gegegeben. Die anderen zehn Exemplare wurden von Auszubildenden von Rheinmetall und Thyssen-Krupp in Kassel hergestellt. Nach der Vorstellung bei Thyssen-Krupp wurden gestern Abend sechs Objekte im Schlachthof in einen Kreislauf durch die documenta-Stadt gegeben. Vier weitere Objekte wandern durch Europa und Afrika.
Offiziell gilt Ricardo Basbaum nicht als documenta-Künstler. Sein Projekt begleitet den Vorlauf zur Ausstellung. Allerdings wird die Dokumentation der Stationen, die Basbaums Objekte durchlaufen, in einer Installation zur documenta 12 präsentiert.
Wer sich an der Aktion beteiligen will, kann sich an nbp@documenta.de wenden.
HNA 19. 9. 2006
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