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Durch die Politik zur Kunst
In Vorbereitung auf die Documenta 11 ist die zweite Plattform in Neu Delhi zu einem Bindeglied zwischen politischer Diskussion und Ausstellung geworden.
KASSEL Ein Element der nächsten documenta steht: Es ist der Block der rund 30 Videos und Filme, die in Neu Delhi parallel zur zweiten Documenta 11-Plattform gezeigt worden sind. Wohl könne es, wie Pressesprecher Markus Müller im Gespräch mit unserer Redaktion sagte, aus Urheber- und Verleihrechtsgründen noch den einen oder anderen Austausch geben, doch habe sich die Zusammenstellung bewährt. Insbesondere soll daran festgehalten werden, die Filme in einer Ausstellungssituation zu zeigen. Die Plattform in Neu Delhi war in Anlehnung an den Titel von Mahatma Gandhis Autobiografie dem Motto Experimente mit der Wahrheit gewidmet. In den Vorträgen und Diskussionen ging es um die Fragen des Rechts und der Rechtsverletzung, um Gewalt, Widerstand und Massenmord sowie um die Aufarbeitung dieser dunklen Kapitel. Ganz automatisch eröffnete sich dabei ein weicher Übergang von der gesellschaftlich-politischen Diskussion zur ästhetischen Erörterung: Wie sind die Geschehnisse zu dokumentieren, wie vollzieht sich Erinnerung, wie können Leiden und Schrecken dargestellt werden, und wie lässt sich eine Dokumentation nachempfinden? Traditionslinie Genau diese Fragen beantworten die ausgewählten Filme, die die ganz dunklen Seiten der letzten 50 Jahre aufarbeiten. Als ein Paradebeispiel sieht Müller den 566 Minuten langen Film Shoah von Claude Lanzmann an. Dieses Werk nutzt Archivmaterial und Interviews. Trotzdem versteht sich Lanzmann nicht als Dokumentarfilmer, sondern sieht sich als künstlerischen Gestalter. Zu den Filmautoren, die in der Reihe vorgestellt werden, gehört auch Harun Farocki, der eine Professur an der Hochschule der Künste in Berlin hat. Besucher der Filmprogramms der vorigen documenta werden sich vielleicht an Farockis Film Stillleben erinnern. Der Name des Regisseurs steht nicht nur für eine gewisse Kontinuität. Vielmehr zeichnet sich ab, dass das Filmangebot der Documenta 11 den von der documenta X eingeschlagenen Weg fortsetzt. Catherine David hatte Filme ausgewählt, die sich in dem spannenden Bereich zwischen dokumentierender Bildsprache und dokumentationsähnlicher Erzählung bewegen. Überhaupt wird möglicherweise die Documenta 11 sichtbar machen, wie zukunftsweisend das von vielen gescholtene Konzept Catherine Davids war. Markus Müller ist nach eigenem Bekunden immer wieder überrascht, wie schwer sich viele Kunstfreunde damit tun, dass der Leiter der Documenta 11, Okwui Enwezor, vor die Beschäftigung mit der Kunst die Auseinandersetzung mit der Politik und gesellschaftlichen Fragen gesetzt hat. Haben denn die Leute, so fragt Müller, vergessen, dass Joseph Beuys 1972 zur documenta 5 ein Büro für direkte Demokratie durch Volksabstimmung eingerichtet hatte und fünf Jahre später zur documenta 6 seine Freie Internationale Universität gründete? In den äußerst lebhaften und manchmal heftig kontroversen Diskussionsrunden in Neu Delhi habe es solche Fragen kaum gegeben. Für die Mitglieder des documenta-Teams aber seien die Diskussionen sinnstiftend gewesen: Gerade vor dem Hintergrund der innerindischen Auseinandersetzungen sei die Rolle der Kunst innerhalb der Gesellschaft offenbar geworden. Die Veranstaltungen waren nicht nur gut besucht, sondern weckten auch die Nachfrage nach Folgeveranstaltungen, an denen Mitarbeiter der Documenta 11 mitwirken werden. Für Müller steht außer Frage, dass der Weg zur Kunst durch die Auseinandersetzung mit der Politik führen muss. Und wenn Harald Szeemann seiner diesjährigen Biennale in Venedig mit Plateau der Menschheit einen ins Politische weisenden Titel gebe, dann will Müller nicht ausschließen, dass die Documenta 11 dazu eine Vorlage gegeben habe. Die Reihe der Plattformen wird vom 4. bis 25. Oktober in Berlin fortgesetzt. Dort werden dann in Verlängerung der Wiener Veranstaltung an sechs Abenden Probleme der unvollendeten Demokratie erörtert. www.documenta.de www.hna.de/documenta11
HNA 23. 5. 2001
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