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Mit der Schere zeichnen und malen
Frankfurter Kunsthalle Schirn zeigt späte Meisterwerke von Henri Matisse Papierschnitte
FRANKFURT. Die Geschichte der modernen Kunst ist ohne die Entdeckung der Collage (Klebebild) nicht denkbar. Die ersten Collagen, die Pablo Picasso und George Braque ab 1909 anfertigten, sollten einerseits den Illusionsraum der Malerei aufbrechen und zum anderen Elemente der Wirklichkeit unverstellt in die Bilder übertragen. So klebten Picasso und Braque Zeitungsausschnitte und gemusterte Papiere in ihre Bilder, um auf Bereiche außerhalb ihrer Kompositionen zu verweisen. Zu den überragenden Collage-Künstlern des 20. Jahrhunderts gehörte der Franzose Henri Matisse (1869-1954). Doch seine Beschäftigung mit den Klebebildern war kein frühes Experiment, sondern erscheint wie die Essenz seines gesamten Schaffens. Das rechtfertigt, den Collagen eine eigene Ausstellung zu widmen, wie sie jetzt in der Frankfurter Kunsthalle Schirn in beispielhafter Form zu sehen ist. Doch es wäre für die Besucher, die das Werk von Matisse nicht so gut kennen, hilfreich gewesen, wenn ein oder zwei Gemälde als Bezugspunkte in die Ausstellung aufgenommen worden wären. Matisse ging es nicht um die Brechung der Illusion. Er suchte vielmehr die Vollendung und Vereinfachung seiner malerischen Absichten. Deshalb fallen die Collagen, an denen Matisse seit den 40er-Jahren gearbeitet hat, nicht aus seinem malerischen Werk heraus. Schon die Technik charakterisiert den eigenen Weg, den Matisse ging: Er griff nicht auf gefundene Formen und Materialien zurück, sondern gestaltete seine Bilder aus Papieren, die er zuvor mit reinen Gouache-Farben bemalt und dann mit der Schere zurechtgeschnitten hatte. Daher werden diese Bilder auch als Gouacheschnitte oder Scherenschnitte bezeichnet. Henri Matisse war einer der überragenden Erneuerer der Kunst. Er setzte auf die Intensität und Leuchtkraft der Farben und galt ab 1905 als der führende Kopf der Fauves (Wilden). Matisse und seine Mitstreiter gewichteten die Farben nach eigenem Belieben und schufen neue Harmonien, die den Stimmungen oder den Gesetzen der Dekoration gehorchten. Seit dieser Zeit zeichneten sich die Kompositionen von Matisse dadurch aus, dass die Farben unvermischt und kontrastreich aufeinander trafen, und dass sie zu Trägern von Bewegung wurden. Damit hatte Matisse bereits um 1910 die Voraussetzungen für seine Collagen geschaffen, die sein Spätwerk beherrschen sollten. Mit kindlicher Freude hatte Matisse entdeckt, dass er mit der Schere zugleich malen und zeichnen konnte. Ja, man kann sagen, dass in den Scherenschnitten die drei klassischen Formen der Kunst zu einer Einheit werden: Die farbigen Papiere sind Träger der Malerei; mit Hilfe der Schere werden sie zeichnerisch in Form gebracht; und indem sie aufeinander geklebt werden, gewinnen sie auch eine räumliche Dimension. Es überwiegen dabei die Kompositionen mit dekorativen, vornehmlich floralen Mustern. Matisse beherrschte diese Collage-Kunst meisterlich bis hin zum wandfüllenden Großformat. Seine blauen Akte wirken so, als wären sie aus einem Pinselzug entstanden. In den Wandbildern scheinen die farbigen Formen zu schweben. Die Technik eignete sich in hervorragender Weise zur Herstellung von Vorlagen für Glasfenster und Kachel-Gestaltungen. Zu den Höhepunkten der Ausstellung gehören die kleine frühe Jazz-Serie und der Raum mit der dreidimensionalen Kachelarbeit Schwimmbad, in die die Besucher eintauchen können.
HNA 20. 1. 2003
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