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Gesetze des Wachstums
Zum Tode von Mario Merz Für Jahrzehnte ein Wortführer der Avantgarde
Ein überragender Künstler ist tot. Der Zeichner, Maler, Bildhauer und Installationskünstler Mario Merz erlag im Alter von 78 Jahren einem Herzinfarkt. Erst vor kurzem war Merz, der auch Träger des Goslarer Kaiserrings ist, mit dem japanischen Kunstpreis Praemium Imperiale, einer Art Nobelpreis der Künste, geehrt worden. Parallel zu Joseph Beuys legte Merz die Grundlagen für eine neue Kunst. Arte povera arme Kunst wurde sie genannt. Aber diese Kunst war weder arm an Ideen noch Formen. Ihre Armut bestand in der Auswahl der Materialien. Das, was bis dahin Künstler achtlos beiseite geschoben hatten, entdeckte Mario Merz als neuen Reichtum: Wachs, Erde, Stein, Metall und Neon. Ähnlich wie Beuys fand nämlich Merz heraus, dass diese Materialien bereits Bedeutungen und Botschaften in sich tragen Wärme und Kälte, Wachstum und Energie. Das hieß: Durch die Kombination verschiedener Stoffe in einer Arbeit konnten komplexe Spannungen im Raum und in der Gesellschaft, Hoffnungen und Ängste sichtbar gemacht werden. Zu verstehen ist diese Abwendung von den traditionellen künstlerischen Ausdrucksmitteln vor dem Hintergrund seiner italienischen Herkunft und seiner Ausbildung in einer von der Klassik geprägten Welt. Er empfand die Last der klassischen Überlieferung in der Malerei, Bildhauerei und Architektur als so erdrückend, dass er sich einmal im Gespräch mit unserer Zeitung zu dem Satz verstieg: Ich halte die Ruine eines kleinen Hauses in den Alpen für wichtiger als die Ruine des Parthenon (in Athen) oder irgendeinen römischen Palastes. Mehr als drei Jahrzehnte lang war der 1925 in Mailand geborene und zuletzt in Turin lebende Mario Merz einer der Wortführer der Avantgarde. Er war in allen wesentlichen internationalen Ausstellungen vertreten. Dreimal drückte er mit seinen Installationen der documenta in Kassel seinen Stempel auf. Seine kraftvoll-jugendliche, poetische und oft ins Fantastische weisende Malerei geriet oft in den Schatten seiner plastischen Arbeiten. In seinen Bildern offenbarte Merz Spontaneität und Emotion. Diese sinnliche Seite zügelte er oft durch die Hinwendung zum Gesetzmäßigen. Mario Merz hatte nämlich für sich und seine Arbeiten die Zahlenreihe des Naturphilosophen Leonardo Fibonacci (um 1200) entdeckt. In dieser Zahlenreihe ergibt sich eine Zahl stets aus der Summe der beiden vorausgehenden - also 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, … Das in der Reihe steckende Gesetz des Wachstums war für Merz die Formel, um Spiralen zu bilden oder Iglus zu bauen. Zur documenta 7 (1982) baute er nach diesem Gesetz einen Spiraltisch aus Stahl, Glas, Steinplatten und Reisig. Die poetische Arbeit wurde aus der documenta für die Neue Galerie in Kassel angekauft, wo sie, umrahmt von der Malerei, ein Sinnbild für den Aufbruch der neuen Kunst bildet.
HNA 11. 11. 2003
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