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Im Zentrum die documenta
Geschichte und Perspektiven
Jede der letzten drei documenta-Ausstellungen zog in 100 Tagen über 600000 Besucher an. Damit behauptete sich die Kasseler Ausstellung für Europa als das zentrale Ereignis für die zeitgenössische Kunst. Noch wichtiger allerdings war, dass durch die Internationalisierung der Ausstellungsleitungen es der documenta gelang, einen anerkannt globalen Blick auf die Kunst zu werfen. Der Künstler, Hochschullehrer und Gestalter Arnold Bode (1900-1977) war zwar selbstbewusst und zuversichtlich, doch diesen Erfolg hätte er seinem 1955 geborenen Ausstellungskind nicht zugetraut. Geschult durch die Mitarbeit an Ausstellungsprojekten in den 20er-Jahren in Kassel, nutzte Bode die Chance, die sich 1955 durch die Bundesgartenschau bot. Ihm gelang es, die documenta als ein zeitgenössisches Kunstprojekt zu platzieren. Der Erfolg der Schau, die die Klassische Moderne einschloss, wurde durch zwei Faktoren begünstigt: Bode entdeckte das im Krieg zerstörte Fridericianum, das 1779 als das erste für die Öffentlichkeit gebaute Museum eröffnet worden war, als idealen Ort. Außerdem überzeugte er mit einer raffinierten Inszenierung der Ausstellungsräume. Bode hatte von Anfang an daran gedacht, die documenta alle vier Jahre neu aufzulegen. Solange er lebte, war die Planungsphase immer ein Wackelspiel. Erst in den 70er-Jahren begann die Institutionalisierung, erst in den 80er-Jahren wurde das Fridericianum der documenta auf Dauer als Spielort (und zwischendrin als Kunsthalle) zugesagt, und erst in den 90er-Jahren wurde eine professionelle Geschäftsführung eingesetzt. Auch sonst tat man sich schwer, Konsequenzen aus der documenta zu ziehen. Zwar wurde das auf Anregung Bodes gegründete documenta Archiv als das Gedächtnis der Ausstellung und Kunstbibliothek unter städtischer Regie ausgebaut, doch zur aktiven Auswertung der gesammelten Bücher, Bilder und Dokumente fehlen die Mittel. Die Ausstellung Wiedervorlage, die die legendäre documenta 5 spiegelte, war eine der wenigen Ausnahmen. Nicht viel anders ging es mit den Ankäufen aus der documenta. Die begannen erst systematisch im Jahre 1982. Doch das, was für die Neue Galerie angekauft wurde, orientierte sich stärker an den Sammlungsschwerpunkten des Museums (Malerei und Plastik) als an dem Konzept der documenta. Das Angebot der Landesregierung, für die Staatlichen Museen Kassel, zu denen die Neue Galerie gehört, ein Zukunftskonzept zu entwickeln, könnte zu einer Korrektur der Versäumnisse führen. In der Diskussion ist, die Kunst von 1750 bis zur Klassischen Moderne aus der Neuen Galerie auszugliedern und im Museumspark Wilhelmshöhe zu integrieren. Das würde ermöglichen, die Neue Galerie zu einer Art documenta-Museum zu machen, in dem auch zwischen den documenta-Ausstellungen die Idee wach gehalten wird. Gleichzeitig wird überlegt, wie das documenta Archiv besser in den Zusammenhang von Ausstellungsorten (Fridericianum, documenta-Halle und eventuell Orangerie) und documenta-Museum eingebunden werden kann. So könnte etwa rund um das Fridericianum ein documenta-Zentrum entstehen. Komplettiert werden diese Überlegungen durch den Vorschlag von documenta-Geschäftsführer Bernd Leifeld. Er denkt an die Gründung einer documenta-Akademie, die Stipendiaten aufnimmt und zur Arbeit in Kassel einlädt. Die documenta würde auf diese Weise ständig präsent sein auch wenn sie nur alle fünf Jahre stattfindet.
HNA 4. 9. 2003
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