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Neues Sehen gelehrt
Zum Tode des Soziologen und Planers Lucius Burckhardt
KASSEL. Die Stadt hat ihm viel zu verdanken, und nicht nur seine Studenten haben von ihm gelernt. Lucius Burckhardt hat viele Menschen neues Sehen gelehrt und zwar auf seine eigene, verschroben-liebenswerte Weise. Doch der Denkansatz, der dahinter stand war radikal. Burckhardt wollte nicht die Verhältnisse nie nur deshalb akzeptieren, weil sie so waren. Das beste Beispiel dafür war die Bundesgartenschau des Jahres 1981. Vergeblich hatte er sich darum bemüht, dem Konzept der gepflegten Parkanlagen und Blumenrabatten entgegen zu treten und die Blicke auf das vernachlässigte Grün im Stadtraum zu lenken. Ebenso störend traten er und seine Mitstreiter auf, die aus Planern und Künstlern bestanden, als die Stadt die Vollendung der Modellsiedlung documenta urbana feierte. Mit der Aktion Sichtbar machen lenkte er die Aufmerksamkeit auf Problemzonen der Innenstadt. Seine Forderung: Die visionäre Kraft, die man am Stadtrand gebunden hatte, hätte im Stadtraum als eine wirkliche Verbindung von Kunst und Architektur investiert werden müssen. Mit Entschiedenheit wandte sich der aus Davos stammende Lucius Burckhardt gegen das übliche planerische Denken, das abstrahiert. Die meisten Menschen sind gewohnt, wenn sie von einem Gebäude oder einem Platz sprechen, sich auf die reine Form zu beziehen. Dabei werden meist unbewusst die Hinweisschilder, Zigarettenautomaten, Telefonzellen oder Autoabstellplätze ausgeblendet. Burckhardt fand dafür den Begriff vom unsichtbaren Design”, das übersehen wird und dennoch die Stadt prägt. Der professionelle Fußgänger Burckhardt brachte seine Kollegen, Studenten und anderen Zeitgenossen dazu, mit ihm Stadtteile und Parklandschaften zu erlaufen und neu wahrzunehmen. Der daraus abgeleitete Begriff der Spaziergangwissenschaften war in diesem Sinne durchaus ernst gemeint. Denn nur durch die sinnliche Erfahrung des Spaziergangs erschlossen sich bestimmte planerische Ansätze. Der Soziologe Lucius Burckhardt, der wie kein anderer die unterschiedlichsten Disziplinen zusammenbinden konnte, kam 1973 an die damals junge Gesamthochschule, an der er als Professor für sozioökonomische Grundlagen urbaner Systeme lehrte. Doch wie alles andere betrieb er auch seine Lehrtätigkeit auf ungewöhnliche Weise. Er mischte sich mit sicherem Urteil in Fragen der Kunst und Architektur ein. Außerdem arbeitete er mit seiner Frau Annemarie so eng zusammen, dass sie sich praktisch den Lehrstuhl teilten. 1997 verabschiedeten sich beide von der Kasseler Universität und gingen nach Basel zurück, wo er jetzt 78-jährig starb. Burckhardts kritische Einlassungen in Planungsfragen bildeten eine wesentliche Grundlage für die Methodik, nach der die Wiedergründung der Unterneustadt erfolgte. Eine seine schönsten Aufgaben übernahm Burckhardt 1992: Er wurde zum Gründungsdekan der Fakultät Gestaltung an der heutigen Bauhaus-Universität in Weimar berufen. Dort führte er die drei Fachbereiche Freie Kunst, Produkt-Design und Visuelle Kommunikation zusammen, die er an der Kasseler Kunsthochschule als Einheit erlebt hatte.
HNA 28. 8. 2003
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