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Documenta ist der Gold-Standard
Redaktionsgespräch mit dem künstlerischen Leiter Okwui Enwezor Positive Bilanz gezogen
KASSEL. Heute in zehn Tagen geht die Documenta11 zu Ende. Zwei Wochen später wird Okwui Enwezor, der künstlerische Leiter, Kassel verlassen. Dann endet für ihn eine rund vierjährige Auseinandersetzung mit der Stadt und deren Ausstellung, die weltweit ohne Vergleich ist. Man spürt, dass es ihn mit Stolz erfüllt, einen Abschnitt dieser Ausstellungsgeschichte begleitet und mit geprägt zu haben, wie er im Gespräch mit unserer Redaktion deutlich macht: Es gibt nur wenige Plätze in der Welt, die in der Lage wären, ein solch komplexes Projekt zu verwirklichen. Und da passen viele Dinge für ihn zusammen die Kleinheit der Stadt im Vergleich zu den Metropolen und die Fülle, die sie zu bieten hat. Der aus Nigeria stammende und in New York lebende Ausstellungsleiter (Jahrgang 1963) klingt überschwänglich: Documenta ist der Gold-Standard für Ausstellungen. - Andere zeitgenössische Kunstausstellungen orientieren sich daran. Dieses maßstabsetzende Lob hat für ihn aber auch Konsequenzen: Die Kasseler Ausstellung könne nur dann bestehen, wenn sie mehr als nur ihre klassischen Gebäude anbiete. Das Museum Fridericianum und die documenta-Halle hält Enwezor für unzureichend. Selbst die Ergänzung durch den Südflügel des Kulturbahnhofs genüge nicht. Damit will er kein Plädoyer für den Erhalt der ehemaligen Binding-Brauerei als Ausstellungsgebäude abgeben. Nein, in diese Diskussion lasse er sich nicht ein, obwohl dieses Gebäude mit seiner großzügigen Innenarchitektur die Kunstwerke zum Leben erweckt habe. Wichtig erscheint ihm lediglich, dass die documenta immer wieder Flächen hinzugewinnen müsse ob nun in alten Bauten oder in temporären Hallen in der Karlsaue. Für Okwui Enwezor ist die documenta auf einem sicheren Stand. Tragendes Fundament ist ist demnach ihre eigene Geschichte, ihr Verdienst, Modelle für die Aufarbeitung der Moderne entwickelt zu haben. Daraus folgt aus seiner Sicht umgekehrt, dass die documenta heute und künftig Formen und Ausdrucksweisen der Kunst erproben müsse, mit denen andere Institutionen noch keine Erfahrungen gesammelt hätten. Als Beispiele dafür sieht er die Foto- und Video-Arbeiten innerhalb der Documenta 11. Vor allem im Umgang mit den Formen der Video-Projektion hätten die Künstler in den vergangenen Jahren viel dazugelernt. Wenn in der laufenden Ausstellung so unterschiedliche Video-Präsentationen gezeigt werden könnten, sei das ein Ergebnis dieses Lernprozesses und auch eine Frucht der Zusammenarbeit zwischen dem Team der Documenta11 und den Künstlern. Viele Besucher und auch Kritiker sind der Meinung, die Documenta11 werde durch dokumentarische Arbeiten geprägt. Dieser Ansicht tritt Enwezor mit Entschiedenheit entgegen. In der Ausstellung vertretene Fotografen und Filmer bedienten sich wohl des Dokumentarischen als Modell, aber ihre Arbeiten erschöpften sich nicht darin: Das Bild ist nicht das, was es abbildet. Es stecke mehr darin. Vor allem müsse man die erzählerischen Strukturen sehen, die das Wesen vieler Arbeiten bestimmten. Okwui Enwezor ist überzeugt, dass nach anfänglichen Problemen sein Konzept, sich der Ausstellung über Diskussionsplattformen zu nähern, mehr und mehr verstanden werde. Die intensive Nutzung der Internet-Seiten, auf denen die Diskussionen dokumentiert sind, spreche dafür. Trotzdem ist er immer wieder überrascht, wie stark die Documenta11 als politische Ausstellung eingestuft werde. Offenbar würden die Besucher jede Kunst, die über das Subjektive hinaus gehe, als eine Art politischen Anschlag verstehen. Missverstanden fühlt sich Enwezor vor allem von einem Teil der Medien in den USA. Möglicherweise sei das auch eine Folge des 11. September. Während amerikanische Besucher und Kollegen ein normales Verhältnis zu der Ausstellung hätten, würden einige US-Medien die Documenta11 als eine anti-amerikanische Schau darstellen. Besonders krass habe sich die Washington Post hervorgetan, die ihn in die Nähe der Terror-Organisation von Al-Qaida gerückt habe. Mit solch einer Zeitung könne man sich die Füße abwischen. Doch insgesamt ist Okwui Enwezor mit der Ausstellung (bisher 550000 Besucher) zufrieden: Ich würde es nicht anders machen. Innerhalb der Ausstellung gibt es Arbeiten, die ihn selbst immer wieder überraschen. Er ist glücklich, dass die Ausstellung funktioniert und sich zu eine Serie von Szenarios formiert, die die Besucher zu unterschiedlichen Betrachtungsweisen herausfordern. Selbst bei solchen Mammutwerken wie dem Video von Craigie Horsfield würden die erzählerischen Strukturen erlebbar. Begeistert ist er auch davon, wie die documenta-Halle als Maschine und Labor funktioniert. Als einen persönlichen Gewinn empfindet er die wunderbare Zusammenarbeit in seinem Team. Er weiß, dass die Documenta11 in seiner Biografie ein herausragendes Projekt war und dass er nicht ständig so intensiv und auf dieser Höhe arbeiten kann. Nach Ende der Ausstellung gibt es zwar das eine oder andere Projekt, doch will Enwezor erst einmal eine Auszeit nehmen, um nachzudenken und zu sich zu kommen.
HNA 6. 9. 2002
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