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Industriebauten als Skulpturen
Die Fotografen Bernd und Hilla Becher sind zum vierten Mal in einer documenta vertreten
Ihre Motive sind schlicht und alltäglich: Wassertürme und Gasbehälter, Fachwerkhäuser und Hochöfen, Fördertürme und Kohlesilos. Die Dinge, die sie fotografieren, haben ursprünglich auch unmittelbar mit ihrem Lebensumfeld zu tun Bernd Becher stammt aus Siegen, er und seine Frau Hilla leben und arbeiten in Düsseldorf, am Rande des Ruhrgebiets. Wahrscheinlich lässt sich kaum nachvollziehen, welche kulturelle Leistung die beiden Fotografen durch ihre gemeinsame 40-jährige Arbeit vollbracht und was sie zur Wahrnehmung der Industriearchitektur beigetragen haben. Heute ist für uns selbstverständlich, dass stillgelegte Fördertürme und Gasbehälter als Zeugen einer untergehenden Industrie und als gelungene ästhetische Formen geschätzt und erhalten werden. Als aber Hilla und Bernd Becher in den 60er-Jahren begannen, ein systematisches Verzeichnis anonymer Skulpturen (wie sie es nannten) anzulegen, war der Denkmalsgedanke noch längst nicht auf diese Bauwerke übertragen worden. Gewiss haben die Bechers das Umdenken mit befördert. Hilla Becher ist gelernte Fotografin, Bernd Becher hingegen kam über die Zeichnung und Grafik zur Fotokunst. Als sie ihre ersten Serien aufnahmen, war der Streit, ob Fotografie (zumal die dokumentarische) auch Kunst sei, voll im Gange. Vielleicht ist vor diesem Hintergrund auch zu verstehen, dass bei ihrer ersten documenta-Teilnahme im Jahre 1972 ihre Bilder in der Abteilung Konzept-Kunst gezeigt wurden. Heute ist diese Einordnung umstritten. Überhaupt scheint es schwer, die üblichen Kategorien auf ihr einzigartiges fotografisches Werk anzuwenden. So irritierte 1990 die Jury-Entscheidung der Biennale in Venedig, die Bechers mit dem Skulpturen-Preis auszuzeichnen. Dass sie die Industriebauten als Skulpturen entdeckt und vorgestellt haben, ist unstrittig. Obwohl die Bechers jeden Anschein von Subjektivität vermeiden und die Bauten so idealtypisch vorstellen, wie sie möglicherweise von den Architekten gedacht waren, ist die Handschrift der Fotografen unverkennbar: Die Aufnahmen sind auf das Einzelobjekt konzentriert, das nahezu aus der umgebenden Landschaft herausgelöst ist. Immer suchen die Bechers einen frontalen, oftmals sogar erhöhten Standort, um die Verzerrung der Aufnahme möglichst gering zu halten. Und schließlich lieben sie es, bei neutralem, diffusen Licht ohne starke Schattenbildung und ohne Wolken in Schwarzweiß zu fotografieren. Auf diese Weise gelingt es ihnen, eine fast zeitlose dokumentarische Fotografie zu betreiben, mit deren Hilfe die Plastizität der Bauten sichtbar gemacht wird. Die Bechers fördern dabei eine unterkühlte Schönheit zu Tage. Ihrem einmal gewählten Konzept sind die beiden Fotografen in rund 40 Jahren treu geblieben. Die stilistischen Mittel haben sie nicht verändert. Sie haben lediglich ihr Arbeitsfeld ausgeweitet und international Bauten aufgenommen. Ihr fotografisches Werk wird auch international geschätzt und gehandelt. Inzwischen gibt es jüngere Fotografinnen und Fotografen wie die ebenfalls zur Documenta 11 eingeladene Candida Höfer, die bei den Bechers an der Kunstakademie in Düsseldorf in die Schule gegangen sind und die ähnlich konsequente Konzepte gefunden haben.
HNA 16. 5. 2002
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