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Wenn die Kunst zur Aktion wird
Christos Projekt 5600-Kubikmeter-Paket beschäftigte 1968 wochenlang die Öffentlichkeit
Es fällt auch heute noch vielen Ausstellungsbesuchern schwer zu verstehen, dass einzelne Künstler nicht den Ehrgeiz haben, etwas für die Ewigkeit herzustellen, sondern sich mit Werken auf Zeit begnügen. Der Raum von Artur Barrio in der Binding-Brauerei etwa, in dem 1500 Kilo Kaffee auf dem Boden ausgestreut sind, wird nach Ende der Documenta 11 aufgelöst. Die Installation, die Barrio geschaffen hat, ist kein Werk, das an einen anderen Ort transportiert werden kann. Eine solche Denkweise war für die breite Öffentlichkeit 1968 höchst ungewöhnlich. Deshalb stieß der Plan des aus Bulgarien stammenden Künstlers Christo auf wenig Verständnis, eine Skulptur aus verpackter Luft zur documenta4 zu errichten. Vor allem wurde nicht verstanden, dass Christo seinen documenta-Beitrag als zeitlich begrenzte Aktion begriff. Sein Werk sollte verwirklicht werden, sich bildhaft in den Erinnerungen festsetzen und danach nur noch als Vorstellung existieren. Deshalb gingen alle späteren Berichte über den Verbleib der Ballonhülle und ihre mögliche Wiederverwendung am Charakter des Christo-Projekts vorbei. Auch die Reichstags-Verhüllung, die 1995 hunderttausende in Berlin begeisterte, lebt von der Vergänglichkeit des Werks und der Überlebenskraft der Idee. Allerdings hatte Christo, als er 1968 in der Karlsaue seinen 85 Meter hohen Ballon aufrichten wollte, nicht an eine über Wochen dauernde Aktion gedacht. Eher unfreiwillig hielt er die Öffentlichkeit in Atem, weil die ersten beiden Versuche aus technischen Gründen scheiterten. Erst im dritten Anlauf war er erfolgreich. Doch hatte er dadurch dazu beigetragen, dass die documenta sich in den Köpfen als eine lebende Ausstellung festsetzte. Die Kasseler hatten der Luft-Skulptur von Christo zahlreiche Namen gegeben: Von Wurst oder Aue-Spargel war die Rede, von Zigarre oder Phallus. Christo und seine Frau Jeanne-Claude sind stolz darauf, dass sie ihre gemeinsam entwickelten und organisierten Projekte weit gehend ohne öffentliche Zuschüsse finanzieren. Für sie sind die Kämpfe um die Genehmigung ihrer spektakulären Aktionen genauso wichtig wie die Sicherung der Finanzierung. So gehört es zum Ritual von Christos Werkprozess, dass er nach dem Ausformulieren einer Idee anfängt, Studien zu erarbeiten, mit deren Hilfe er seine Vorstellungen konkretisiert und durch deren Verkauf er für die notwendigen finanziellen Grundlagen sorgt. Diese Studien bestehen meist aus drei oder vier Teilen. Den Schwerpunkt bildet eine Zeichnung (oder überarbeitete Fotografie), die das fertige Projekt im realen Raum verbildlicht. Auf einem zweiten Feld sieht man oft einen Kartenausschnitt, der den Bezug zwischen Ort und Projekt herstellt. Das dritte Feld schließlich enthält eine nähere Projekterläuterung. Dank städtischer Ankaufsmittel konnte 1976 die Neue Galerie zwei Studien zu dem documenta-Projekt von Christo erwerben. Die eine, die hier abgebildet ist, stammt aus dem Jahre 1967 und zeigt, dass Christo seine Arbeit ursprünglich für den Friedrichsplatz plante. Aus Sicht- und Sicherheitsgründen zog er aber in die Aue um. Die zweite Studie dann verdeutlicht die Vision, die im Sommer 1968 Wirklichkeit wurde. Die beiden Collagen eröffnen innerhalb der Ausstellung documenta Erwerbungen in der Neuen Galerie den Reigen der Studien und Modelle der documenta-Projekte, die außerhalb der Ausstellungshäuser verwirklicht wurden. documenta
HNA 4. 8. 2002
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