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Des Zeichners Lust am Exotischen
Aus den Skizzenbüchern von Ernst Ludwig Kirchner Zur Ausstellung im Schloss Wilhelmshöhe
KASSEL. Vor allem in seinen ersten zehn Schaffensjahren war Ernst Ludwig Kirchner (1880 1938) ein unermüdlicher Maler und Zeichner. In rascher Eile hielt er in Skizzenbüchern Landschaften und Aktstudien fest. Zuweilen entstanden Bewegungsstudien in so rascher Folge, dass sie, nebeneinander gelegt, wie die Bilder eines Filmes wirken. Allein an Zeichnungen hat Kirchner über 17000 hinterlassen. Nicht jedes Bild versteht sich als Meisterwerk, doch in jedem Blatt werden die Kraft und Souveränität Kirchners spürbar. Immer wieder fasziniert, wie es dem Brücke-Künstler gelang, mit nur wenigen Linien und Schraffuren Körper und Farbräume greifbar zu machen. Die Grafische Sammlung der Staatlichen Museen Kassel besitzt 70 Zeichnungen und Druckgrafiken von Kirchner. Dieser Bestand ist bescheiden, bildet aber, wie die jetzt in Schloss Wilhelmshöhe gezeigte Ausstellung beweist, eine solide Basis für eine Ausstellung. In der sind die frühe und die späte Phase gut vertreten. Allein die für Kirchners Werk so prägnante Berliner Zeit mit ihren überlangen Figuren wird nur durch zwei, drei Zeichnungen andeutungsweise repräsentiert. Die Erneuerung der Kunst zu Anfang des 20. Jahrhunderts wäre ohne die Rückbesinnung auf das Einfache und Urwüchsige sowie die Lust am Exotischen kaum denkbar gewesen. Gauguin reiste in die Südsee, Picasso und andere studierten afrikanische Skulpturen, und Ernst Ludwig Kirchner begeisterte sich für Afrikaner, die 1910 zur Völkerschau in den Dresdner Zoo(!) kamen. Das hier abgebildete Blatt aus der Kasseler Sammlung ist eine Skizze. Sie zeigt zwei Afrikaner. Von der hinteren Figur sieht man gerade umrisshaft den Kopf, charakterisiert durch Stirn-, Augen- und Mund-Nasen-Partie. Der ausgeprägten, nach vorne reichenden Kinn- und Mund-Region bei der vorderen Figur galt Kirchners eigentliches Interesse. Dadurch kennzeichnete der Künstler die für ihn fremden Menschen. Und indem er über die dunkle Schraffur noch ein Rot legte, versuchte er, die braune Hautfarbe sichtbar zu machen. Sammlungsleiterin Christiane Lukatis entdeckte bei der Untersuchung des Blattes, dass es auf der Rückseite den Abklatsch einer Afrikanerin im Profil trägt. Darin verbirgt sich für sie der untrügliche Beweis, dass diese Wachs- oder Ölkreide-Zeichnung aus einem Skizzenbuch stammt, in dem Kirchner seine Studien in so schneller Folge notierte, dass sich jeweils das nächste Motiv auf der Rückseite abbildete. Das Skizzenbuch, das einstmals einen Umfang von 60 Seiten hatte, so fand Lukatis heraus, befindet sich heute im Kirchner-Museum von Davos mit nur noch 24 Blättern. Die einzelnen Zeichnungen mit ihren leuchtenden Farben mussten also viele Liebhaber gefunden haben. Die Ausstellung trägt in mehreren Fällen dazu bei, dass die Blätter aus Skizzenbüchern genauer eingeordnet werden können. Ernst Ludwig Kirchner In Momenten größten Rausches.
HNA 16. 1. 2003
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