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Die Würde zurückgegeben
Ein Jahr nach der Eröffnung hat das Neue Museum Weimar seine Sammlungsräume umgestaltet. Erstmals werden die westliche Nachkriegskunst und die Kunst der DDR im Zusammenhang gezeigt.
WEIMAR : Die Aufregung war im vorigen Jahr groß, als die Kulturstadt Weimar in der dreiteiligen Ausstellung „Aufstieg und Fall der Moderne” die DDR-Kunst zum bloß historischen Dokument (ohne individuellen Anspruch der Künstler und ihrer Werke) stempelte und die Bilder dicht an dicht als Panorama präsentierte. Doch diese Provokation hatte ihr Gutes. Sie löste eine unerwartete breite und sachbezogene Diskussion aus, die demnächst in einem Dokumentationsband nachzulesen sein wird. Auch intern wurde heftig gestritten und neu bewertet. Die Folge ist, dass früher als vorgesehen die Kunstsammlungen Weimar die 1994 aus ihren Sammlungsräumen entfernte DDR-Kunst wieder öffentlich zur Diskussion stellen. Unter dem programmatischen Titel „Richtungswechsel” werden ab morgen (11 Uhr) im Neuen Museum Weimar Ost- und Westkunst der vergangenen 50 Jahre konfrontiert. Das Wichtigste an dieser zweiten Wende ist, dass den Bildern von Willi Sitte, Werner Tübke und Bernhard Heisig ihre Würde zurückgegeben wird. Sie werden nun im Obergeschoss des Neuen Museums als das behandelt, was sie sind – als individuelle künstlerische Schöpfungen, über deren Bewertung man streiten kann. Und dadurch, dass die Kunstsammlungen nach strengen Maßstäben siebten und nur rund ein Zehntel der gut 250 Werke ausstellten, ergibt sich auch eine gute, qualitätsvolle Diskussionsbasis. Weimars Museumsdirektor Rolf Bothe und sein Team wissen selbst, dass sie damit noch nicht die Normalität erreicht haben. Ein direkter Dialog zwischen Ost- und Westkunst ist auch deshalb nicht möglich, weil die Sammlung Maenz, die den Grundbestand der zeitgenössischen Sammlung liefert, ihre Schwerpunkte in der Konzept- und Minimal-Kunst sowie der neuen italienischen Malerei hat, aber im Bereich der traditionellen gegenständlichen Kunst nichts bietet. Unter dieser Voraussetzung wirkt das gewählte Ausstellungskonzept überzeugend: Im Eingangsgeschoss sieht man die internationale Moderne der Sammlung Maenz, wobei in diesem Jahr die Werke der Italiener Sandro Chia, Nicola de Maria, Enzo Cucchi, Francesco Clemente und Mimmo Paladino einen besonderen Akzent setzen. Das Obergeschoss konzentriert sich auf die verschiedenen Aspekte deutscher Kunst: Das Beste ist dabei der Raum mit Werken von Anselm Kiefer. Daneben werden Joseph Beuys und seine Schüler Blinky Palermo und Imi Knoebel mit einzelnen Arbeiten vorgestellt. Im Kontrast dazu erlebt man in zwei Bildersälen Werke der DDR-Künstler, die sich behauptet haben – flankiert von zwei Kabinetten mit Kleinplastiken. In Räumen dazwischen sieht man Arbeiten von Künstlern, die in der DDR schon vor der Wende die kunstpolitischen Schranken überwunden haben: Michael Morgner, Eberhard Göschel, Walter Sachs, Carsten Nicolai und Via Lewandowsky. Jetzt kann eine ernsthafte Diskussion beginnen.
HNA 5. 2. 2000
Das Ende der Sprachlosigkeit
Vorspann:Das Neue Museum in Weimar hat, wie berichtet, den Dialog zwischen Ost- und Westkunst eröffnet. Die Sprachlosigkeit ist beendet, die Verständigung aber noch nicht gefunden.
WEIMAR : Natürlich haben manche Museumsleiter Angst davor, die zeitgenössische abstrakte und konzeptuelle Kunst dem direkten Vergleich mit der heutigen realistischen Kunst auszusetzen. Sie fürchten, der Vergleich fiele zu Lasten der Moderne aus, weil viele Besucher eher die vertrauten Bilder suchten und nicht die Herausforderung. Die Kunstsammlungen Weimar haben sich unter ihrem Direktor Rolf Bothe von dieser Angst frei gemacht und die Gegenüberstellung gewagt. Dabei ist das eingegangene Risiko besonders groß, weil sich zwei Konfrontationsebenen überschneiden. Zum einen steht Ostkunst gegen Westkunst, also die vom SED-Staat geduldete Kunst gegen die vom Markt geprägte Kunst. Auf der anderen Seite begegnen sich der Realismus in allen seinen Spielarten und die abstrakte sowie konzeptuelle Kunst. Um die Gegenüberstellung mit Namen anschaulich zu machen: Hier hängen zwei auf Linien reduzierte Tafelzeichnungen von Joseph Beuys, da sieht man mit Tübkes „Tod in Venedig” ein Gemälde, das aus dem Geist der Renaissance apokalyptische Visionen des 20. Jahrhunderts formt. Der Dialog wird angeboten, doch die Verständigung findet nicht statt, weil es keine gemeinsame Sprache gibt; das liegt auch daran, dass die Sammlung Maenz, die die Basis für die Westkunst in Weimar legt, auf Konzeptkunst und neue wilde Malerei konzentriert ist. Beuys’ Tafelzeichnungen, die ganz angemessen in einem Raum mit Arbeiten seiner Schüler Blinky Palermo und Imi Knoebel präsentiert werden, sind in diesem Zusammenhang überfordert. Sie sind nur zu verstehen, wenn man Beuys’ über das Bild und sie Plastik hinausführendes Denken kennt und weiß, dass die Tafel für ihn auch didaktisches Mittel war. Willi Sitte und Imi Knoebel, Blinky Palermo und Wolfgang Mattheuer sind keine Gesprächspartner. Das hat nicht nur damit zu tun, dass Sitte und Mattheuer Vorzeige-Künstler der DDR waren, sondern auch damit, dass innerhalb der Westkunst zwischen einem abstrakt-konzeptuellen Maler wie Palermo und einem figurativen Künstler wie Horst Janssen ebenso Welten liegen. Diese Einwände sprechen nicht gegen das Weimarer Ausstellungsprojekt, sondern deuten nur auf seine Grenzen hin. So, wie die Ausstellung jetzt für knapp ein Jahr eingerichtet ist, bietet sie sich in erster Linie als kunsthistorisches und kunstpolitisches Dokument an: Man erlebt, wie die Bereiche nebeneinander existierten – die staatlich gelenkte Kunst, die in den 70-er Jahren immerhin die Fessel des Sozialistischen Realismus abgeschüttelt hatte; die Non-Konformisten, die in der DDR den Brückenschlag zur Westkunst versuchten; und einige wenige der vielen Ansätze westlicher Avantgarde. Wichtig ist erst einmal, dass diese Gleichzeitigkeit und Vielgestaltigkeit sichtbar gemacht werden. Das Neue Museum ist nicht länger ein Fremdkörper mit importierter Kunst. Außerdem können sich ganz andere Felder auftun, wie die Vitrinen-Objekte des in Weimar lehrenden Norbert Hinterberger zeigen. Von ihm stammen altertümliche Badewannen-Armaturen, die er dem in Weimar gestorbenen Philosophen Nietzsche gewidmet hat. Die Wasserhähne sind beschriftet mit „Wille”, „Welt” und „Vorstellung” oder mit „gut” und „böse”. Vielleicht wird die Bauhaus-Universität dauerhaft zur Quelle für das Museum und öffnet damit einen dritten Weg.
HNA 8. 2. 2000
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