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Eine Skulptur, die wächst
Das größte Geschenk, das Kassel zur documenta 7 erhielt, war das Projekt von Joseph Beuys: Er ließ 7000 Bäume, flankiert von je einer Basaltstele, im Stadtgebiet pflanzen.
Was hatte das mit Kunst zu tun? Viele stellten sich die Frage, als Joseph Beuys im Winter 1981/82 ankündigte, er werde zur nächsten documenta 7000 Bäume pflanzen. Wer konnte auch schon erahnen, was es heißt, dort in der Stadt Bäume in die Erde zu setzen, wo das Grün nicht eingeplant war? Und wer konnte abschätzen, welchen Arbeits- und Finanzaufwand die Aktion „7000 Eichen” erfordern würde? Und schließlich: Wer dachte schon daran, daß in dem Augenblick, in dem der letzte Baum gepflanzt sein würde, die Probleme richtig losgehen sollten? Heute wissen wir, daß die Aktion „7000 Eichen” eines der Projekte ist, die am konsequentesten für Beuys’ Idee von der Erweiterung des Kunstbegriffs stehen. Mit dieser Pflanzaktion gewann die Vorstellung der sozialen Plastik auch für die Öffentlichkeit greifbare Gestalt: Der Künstler hatte seine kreativen Kräfte dazu eingesetzt, die Stadtgestalt zu verändern und zu verbessern. Er nutzte den schützenden Kunstraum als Energiequelle, um an der Formung der Wirklichkeit mitzuarbeiten, und fand dabei Wege, jeder Phase der Aktion eine eigene skulpturale Form zu geben. So gab er den 7000 Steinen, die zum documenta-Start auf dem Friedrichsplatz gelagert wurden, die Form eines Keils. Aber gerade dieser Basaltberg erregte die Gemüter. Zu einer Zeit, in der die Folgen der Pflanzaktion noch nicht erkennbar waren, gab es relativ große Vorbehalte gegenüber dem Projekt. Die wichtigsten finanziellen Förderer für seine Aktion, die mehr als drei Millionen Mark verschlang, fand Beuys außerhalb Kassels, auch wenn natürlich auch viele Bürger zur Übernahme einer Patenschaft bereit waren. Den erfolgreichen Abschluß der Pflanzaktion zur documenta 8 erlebte Beuys nicht mehr. Mittlerweile sind die Bäume mit der Stadt verwachsen. Aber dafür, daß sie Teil einer wachsenden Skulptur sind, für deren Fortbestand alle mitverantwortlich sind, muß noch geworben werden.
HNA 7. 9. 1999
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