Ein Teppich für Reagan

Ausstellungen der 80er-Jahre – Sechster Teil zu „documenta als Ort politischer Kunst“
Wie keine andere documenta zuvor wird die kommende aus dem Blickwinkel politischer Fragestellungen vorbereitet. Deshalb gehen wir in einer zehnteiligen Serie der Frage nach, inwieweit die documenta schon früher ein Ort politischer Kunst war.
Wenn Rudi Fuchs sein Konzept der documenta 7 (1982) erläuterte, sprach er von einer „Erzählung“ oder von einem „Waldspaziergang“. Die Kunst wolle er ins Museum zurückholen und ihr dort die Würde zurückgeben. Von gesellschaftlicher Einmischung war nicht die Rede.
Trotzdem sollte die Ausstellung des Jahres 1982, die sich vor allem der neuen Malerei verschrieben hatte, zu der documenta werden, von der die nachhaltigsten Wirkungen in den Stadtraum und in die Gesellschaft ausgingen. Denn Joseph Beuys nutzte die documenta, um mithilfe seiner Baumpflanz-Aktion „7000 Eichen“ vorzuführen, was er unter sozialer Skulptur verstand. Die Stadt Kassel veränderte durch die Verwaldungsaktion ihr Gesicht.
Die documenta 7, die sich so ganz auf die Selbstbestimmtheit der Kunst zurückgezogen hatte, war auch sonst durchsetzt mit politisch-kritischen Werken. Jörg Immendorff etwa hatte vor dem Fridericianum eine bemalte Skulptur platziert, die wie eine Abwandlung des Brandenburger Tores wirkte und das Ringen der Systeme (Ost-West-Konflikt) veranschaulichte.
Für die schärfste politische Zuspitzung sorgte Hans Haacke mit einer Inszenierung, in der er die Nachrüstungsdebatte kommentierte: Er präsentierte ein nach einem Foto gemaltes Porträt des damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan, vor dem ein roter Läufer ausgerollt war. Am anderen Ende des Läufers war ein Großfoto von einer Friedensdemonstration in Bonn zu sehen.
Haacke sollte fünf Jahre später für eine andere kritische Inszenierung den prominentesten Platz in der documenta 8 erhalten. In der Rotunde des Fridericianums verwob er die Logos von Deutscher Bank und Mercedes, um die beiden Unternehmen wegen ihrer Unterstützung der Rassentrennungspolitik in Südafrika zu kritisieren. In der 1987 von Manfred Schneckenburger gab es mehrere politisch pointierte Arbeiten zu sehen. Gleichwohl konnte die Ausstellung ihren selbst gestellten Anspruch nicht erfüllen. Schneckenburger hatte nämlich angekündigt, die documenta wolle die „historische und gesellschaftliche Dimension der Kunst“ sichtbar machen. Diese Akzentuierung lag zwar nach dem Rückzug von Fuchs ins Museum nahe, aber die documenta 8 hatte große Probleme, ihren Vorsatz auch umzusetzen.
Und weil die Ausstellung weder durch ihre Gliederung noch durch die Werke die gesellschaftliche Dimension vorführen konnte, wurde Schneckenburger in der Eröffnungspressekonferenz heftig kritisiert. Vor allem wurde ihm vorgehalten, zu wenig Künstlerinnen berücksichtigt zu haben.
Außerdem wurde erstmals gefragt, warum die Künstler anderer Kontinente, insbesondere aus Lateinamerika, nicht eingeladen seien. Heute wissen wir dank der späteren Ausstellungen, dass die Entschuldigung, die Werke jener Künstler seien mit der westlichen Kunst nicht vergleichbar, nicht haltbar ist.
Nächste Woche: Der Körper im Mittelpunkt.
HNA 8. 3. 2007

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