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Gewalt, Theater, Poesie
Traumwelt von Fabrizio Plessi im Martin-Gropius-Bau
BERLIN. 1987 zur documenta8 hatte der Italiener Fabrizio Plessi (Jahrgang 1940) seinen großen Auftritt in Kassel. Im Apollosaal der Orangerie, in dem heute das Planetarium eingebaut ist, zeigte er seine Installation Roma. In dem rot erleuchteten Raum hatte er Marmorplatten an die Wände gelehnt eine Referenz an die antike Stadt. Das Zentrum bildete ein Halbkreis von Monitoren, auf denen Bilder vom schier endlos fließenden Wasser zu sehen war. Die Arbeit rief Gedanken an den ewigen Fluss des Lebens und die ewige Stadt hervor. Ein über den Monitor-Halbkreis hinausragendes Förderband stellte zudem die Beziehung zur Arbeitswelt her. Neben Nam June Paik ist Plessi einer der beständigsten Künstler auf dem Feld der Video-Skulptur. Mit seiner documenta-Arbeit von 1987 hatte er nach eigenem Bekenntnis endgültig seinen internationalen Durchbruch geschafft. Jetzt hat ihm Carl Haenlein (Hannover) im Berliner Martin-Gropius-Bau eine imposante Ausstellung aufgebaut, die überzeugender ist als das, was Plessi vor drei Jahren in Venedig zur Biennale zeigte. Plessi hat einen Hang zur Vervielfältigung. Wenn er auf seinen Monitoren Bilder von roten Flammen, von blauem Wasser, von roten Blütenblättern oder gelbem Sand zeigt, dann reiht er Monitore nebeneinander auf, um den Fortlauf der Bewegung zu verstärken. In diesen Bildern, die auf das Elementare des Lebens verweisen, liegt eine stille Poesie. Mit Versen hat Haenlein auch den von ihm gestalteten Katalog durchsetzt. Und wenn man dann vor einem langen, auf dem Boden liegenden Schiff steht, in dessen massiven Korpus zehn Monitore eingelassen sind, durch die blaues Wasser zu fließen scheint, ergreift den Betrachter andächtige Ruhe. Aber gleichzeitig hat Plessi einen Hang zur Monumentalität und Gewalt, zum Pathos und zur raumgreifenden Theatralik. . Aus Stahlplatten und riesigen Baumstämmen baut er gewaltige, begehbare Bilder. An einer schräg an die Wand gelehnten Stahlplatte hängen übereinander Baumstämme, deren eines Ende verkohlt ist. Blickt man hinein, dann sieht man im Stamm ein Feuer glimmen einer der effektvollsten Videoarbeiten von Plessi. Genauso beeindruckend ist die von Plessi gebaute Stahlbrücke, in deren Boden die Monitore ein Fußbodenmosaik präsentieren, das sich wie auf Wellen auf und ab zu bewegen scheint. Plessi braucht eine Vielzahl von Räumen für seine Arbeiten. Der Gropius-Bau bietet sie. Die spektakulärste Inszenierung hat Plessi für den Lichthof des Gebäudes geschaffen: An Stahlträgern hängen, nach unten gekehrt, zwölf venezianische Lastkähne, die sich unmerklich hin und her bewegen. Die Monitore, die sie tragen, strahlen Bilder von rot leuchtenden Flammen aus, Feuer der Vernichtung. Die auf das Einfache reduzierten Videoarbeiten gewinnen durch die Einbettung in die Skulpturen und Installationen zuweilen erdrückende Gestalt. Sie tragen Zauber und Rätsel in sich, bedrängen aber auch. Größer könnte der Kontrast dieser Ausstellung zu den vielfach nur flüchtig wirkenden Arbeiten der Berlin Biennale im Stock darüber nicht sein.
HNA 22. 3. 2004
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