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Wechselspiel von Klang und Körper
In ihrem Jubiläumsjahr 1995 hatte sich die Kunst-Biennale von Venedig dem Wechselverhältnis von Kunst und Körper verschrieben. Es ging um die Figur als Thema der hundertjährigen Biennalen-Geschichte und um die Frage nach der Identität. Dabei wurde stillschweigend vorausgesetzt, dass für die Kunst der zweiten Jahrhunderthälfte die Gestalt des Menschen verloren gegangen, die Figur zerbrochen war. Zahlreiche Arbeiten, die in der Biennale gezeigt wurden, umkreisten diesen Verlust. Eine der eindringlichsten Installationen hatte der Deutsch-Amerikaner Stephan von Huene geschaffen. Unter dem Titel Tisch-Tänzer hatte er vier männliche Unterkörper in Schuhen und Hosen aufgestellt, deren Beine sich im Rhythmus von Musik und Politikerreden bewegten. Da wurde der zum Automaten verkommene Mensch sichtbar, der sich kopflos durch andere in Gang setzen lässt. Stephan von Huene ist jetzt, wie kurz gemeldet, im Alter von 67 Jahren gestorben. Die erwähnte Biennale-Installation, zu der auch 14 Zeichnungen von Männer-Unterkörpern in Hosen und Schuhen gehörten, war eine seiner besten und bildhaftesten Arbeiten überhaupt. Der Sohn deutscher Emigranten, der nach Deutschland zurückkehrte und in Hamburg mit der Kunstkritikerin Petra Kipphoff verheiratet war, kam über die abstrakte Malerei Mitte der 60er-Jahre zu einer surrealistischen Objektkunst. Da er sich in gleicher Weise mit Sprach- und Wortspielen sowie neuer Musik beschäftigte, wurde er schließlich zu einem der wichtigsten Künstler für Klanginstallationen. Dabei galt sein besonderes Interesse solchen Konstruktionen, die aus dem Raum kommende Geräusche aufnahmen und veränderten. 1982/83 entwickelte von Huene die sechsteilige Skulpturengruppe Text-Tones (Text-Töne) aus Röhren und elektronischen Anlagen, die auf und in großen weißen Sockeln (als Resonanzkörper) montiert waren. Die normalen Gespräche wurden durch die Klangobjekte in raumfüllende Geräusche verwandelt, die sich der Qualität von Glockenklängen näherten. 1987 war von Huene mit dieser Arbeit in der documenta vertreten.
HNA 15. 9. 2000
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