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Poetische Verwandlung der Natur
Im Alter von 96 Jahren ist Jean Bazaine gestorben. Bazaine gehörte zu den führenden französischen Malern der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Drei Mal war er an der documenta beteiligt.
Nach 1945 war in der Kunst die große Zeit der Abstraktion. Während die Spielarten des Realismus als überholt und zudem als (durch Kommunisten und Faschisten) politisch verbraucht galten, glaubten viele Experten, die Zukunft der Kunst könne nur im Ungegenständlichen und in der Abstraktion liegen. Dabei wurde vielfach übersehen, dass auch zahlreiche abstrakte Künstler sich keineswegs völlig vom Gegenstand und von der Erzählung gelöst hatten. Sie blieben auf eine lockere Weise der Wirklichkeit und deren Abbildung verhaftet. Einer von ihnen war der Franzose Jean Bazaine, der jetzt 96-jährig in einem Pariser Vorort starb. Er galt zwar in den 50er- und 60er-Jahren als einer der führenden abstrakten Maler, doch sein Herkommen aus der gegenständlichen Kunst hat er nie verleugnet. Und wenn er zeichnete, dann ließ er sein bildnerisches Interesse an der sichtbaren Welt immer erkennen. Der aus Paris stammende Maler trug viele Talente in sich. Er hatte Philosophie studiert und sich als Literaturwissenschaftler profiliert, bevor er sich der Bildhauerei zuwandte. Der Impressionist Pierre Bonnard soll einer derjenigen gewesen sein, die Bazaine zur Malerei ermutigten. Bereits 1938 wurde er für sein eigenwilliges abstraktes Werk mit dem Prix Blumenthal ausgezeichnet. Bazaines Bilder verfügen über eine ausgeprägte poetische Kraft. Die Gemälde beschwören die Formen der Natur, ohne sie direkt abzubilden. Vielmehr scheinen die (inneren) Strukturen durch, lösen sich in lyrische Rhythmen auf. Die Farbformen gewinnen Leichtigkeit und beginnen zu schweben. Kirchenfenster Der Maler war stets am geistigen Abenteuer interessiert. Das, was ihn am Menschen und an der Natur fesselte, wollte er im freien Spiel der Farben nach eigenen Gesetzen ausmalen. Andererseits wurde ihm auch ein Hang zum Mystischen nachgesagt. Daher ist es erklärlich, dass er sich gern darauf einließ, im angewandten Bereich zu arbeiten und Kirchenfenster zu gestalten unter anderem acht Glasfenster für St.-Séverin in Paris. Außerdem erhielt er den Auftrag, die Mosaiken für das Unesco-Hauptquartier zu gestalten. Jean Bazaines Werke sind in den internationalen Sammlungen vertreten. Seine Malerei verfügt über eine bis heute fortwirkende Ausstrahlungskraft, auch wenn seine große Wirkungszeit 30 bis 40 Jahre zurückliegt. 1955, 1959 und 1964 gehörten seine Bilder in der Kasseler documenta zu den inspirierenden Gemälden. Wenn Paris und Frankreich damals tonangebend waren, war es auch das Verdienst von Bazaine.
HNA 7. 3. 2001
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