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Zwischen Malerei und Skulptur
Skulptur als Feld heißt das ehrgeizige Projekt, das der Kunstverein Göttingen in der Lokhalle präsentiert. Neun internationale Künstler sind beteiligt.
GÖTTINGEN Unter einer Skulptur versteht man eine künstlerische Arbeit, die sich dreidimensional im Raum entfaltet. Dieser Grundsatz gilt aber seit den 60er-Jahren nicht mehr ausschließlich. Denn seitdem entwickelten Künstler im Grenzbereich von Malerei, Zeichnung und Skulptur neue Formen von Bodenarbeiten. Diese flachen Skulpturen sind in gewisser Weise Reliefs verwandt, die an den Wänden plastische Gestalt gewinnen. Der Amerikaner Carl Andre ist der prominenteste und radikalste Künstler, der diese neue Form durchbuchstabiert hat. Seine nebeneinander verlegten quadratischen Stahlplatten reduzieren die Ausdrucksmöglichkeiten der Skulptur auf ihr Minimum. Weniger an Ausdruck und räumlicher Erhabenheit ist kaum möglich. Carl Andre ist mit einer aus 48 Platten bestehenden Arbeit auch in der Ausstellung Skulptur als Feld des Kunstvereins Göttingen vertreten, in der neun internationale Künstlerinnen und Künstler flache Boden-skulpturen vorstellen. Das riesige Areal der Lokhalle direkt hinter dem Göttinger Bahnhof ist ideal für ein solches, sich in der Fläche entwickelndes Projekt. Das Überraschende ist, dass Andres Arbeit im Zusammenhang mit den anderen Bodenskulpturen völlig anders wirkt. Weil ornamentale Arbeiten die Halle beherrschen, tritt auch in Andres Werk das Muster der rechtwinkligen Reihung in den Vordergrund. Liebe zum Ornament Von der Liebe zum Ornament bestimmt sind vor allem die aus Sand geformten Bodenstücke von Mariella Mosler. Bei der vorigen documenta hatte die Künstlerin mit ihrer Formung von Linien, die durch Licht und Schatten plastische Ausdruckskraft erhielten, die Herzen vieler Besucher erobert. Ihr Beitrag für Göttingen ist großflächiger, kann aber nicht die Dichte der documenta-Arbeit erlangen. Lackierte Flächen Ebenfalls aus der documenta (1992) ist Adrian Schiess bekannt, der in Göttingen wie damals in Kassel mit farbigem Autolack gespritzte Spanplatten auf dem Boden ausgelegt hat. Die lackierten Oberflächen spiegeln das Licht und vervielfältigen dementsprechend die Farbeffekte. Während in der documenta IX die variablen Farbtafeln eher malerisch wirkten, verleihen ihnen in der Lokhalle die Balken, auf denen die Platten liegen, eine eher plastische Gestalt. Fast rein malerisch sind aber die schönen und effektvollen Arbeiten von Heike Weber (konzentrische rote Linien auf weißem Grund) und Polly Apfelbaum (ein Feld aus eingefärbten Samtstreifen). Auf der Grenzlinie zwischen Zeichnung und Skulptur bewegt sich Kate Whitefords weißes Feld aus Salzkristallen, in das sie aus Kohlestücken ein strenges Ornament gelegt hat. Die Kunsthistorikerin Julia Otto hat im Zusammenhang mit ihrer Dissertation die Ausstellung erarbeitet. Ihr ist damit gelungen, den Blick auf einen wenig beachteten Sonderweg der Skulptur zu lenken. Die Ausstellung macht aber zugleich bewusst, dass der Skulptur-Begriff sich an den Rändern verflüchtigt. Entscheidend ist der Pers-pektivwechsel: Die vom Sockel geholte Skulptur und die von der Wand entfernte Malerei gewinnen auf dem Boden neue Freiheiten und Energien. Dadurch wird die Schau zum Gewinn.
HNA 5. 9. 2001
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