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So stark waren die Frauen nie zuvor
Ein etwas anderer Blick auf die Werke der documenta 12 - Fast 50 Prozent der vorgestellten Künstler sind weiblich
Die Frauenbewegung der 70er-Jahre brachte auch die Frage hervor, ob es denn wirklich nur so wenige Künstlerinnen gebe, wie man auf Grund der Ausstellungspraxis annehmen musste. Die sich daraus entwickelnde Diskussion führte zu einer Reihe von Ausstellungen, die ausschließlich Künstlerinnen präsentierten. Den Höhepunkt bildete 1990 die Ausstellung “Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts” im Museum Wiesbaden. Dort wurde sichtbar, dass die weibliche Seite in der Kunst in der Ausstellungspraxis bis dahin viel zu kurz gekommen war.
Würde die Wiesbadener Ausstellung wiederaufgelegt werden, müsste sie allerdings angesichts der documenta 12 neu konzipiert werden. Denn die von Roger Buergel und Ruth Noack konzipierte Schau hat knapp ein Dutzend von Künstlerinnen zu Tage befördert, die in den 50er- bis 70er-Jahren entschiedene Beiträge zur Entwicklung der Kunst geleistet haben, deren Namen aber bisher in keinen Kanon aufgenommen wurden. Tanaka Atsuko, Bela Kolárová, Mira Schendel und Lee Lozano sind nur einige der Künstlerinnen, die an dieser Stelle zu nennen sind.
Insgesamt sind 52 der 113 Künstler Frauen. So stark waren die Frauen bisher in keiner documenta vertreten, auch nicht in der, die 1997 Catherine David verantwortete. Doch es geht vorrangig nicht um Zahlen. Auch geht es nicht um die feministische Pers-pektive, zu der Ruth Noack einen besonderen Zugang hat. Vielmehr ist an dieser documenta spannend, dass die vielfach als überwunden geltende Moderne durch Künstlerinnen wie Mira Schendel oder Charlotte Posenenske eine neue Aktualität erhält. Die documenta 12 zwingt daher dazu, die Kunst der letzten 50 Jahre neu zu bewerten. Beispielsweise wäre im Zusammenhang mit den Objekten und Aktionen von Tanaka Atsuko zu untersuchen, wie das Verhältnis japanischer und europäischer Aktionskunst in den 50er- und 60er-Jahren war.
Die documenta 12 schreibt den Anteil der Frauen an der Kunstproduktion als gleichgewichtig und selbstverständlich fest. Wenn man auf die Kunsthochschulabsolventen in Deutschland blickt, dann kann man davon ausgehen, dass der weibliche Anteil an Gewicht gewinnen wird.
Bereits frühere Ausstellungsprojekte hatten gezeigt, dass die Frage nach einer spezifisch weiblichen Kunst eher auf Abwege führt. Gleichwohl ist nicht zu übersehen, dass etliche der documenta-Künstlerinnen eine besondere Nähe zu den feinen, ins Handwerkliche weisenden Materialien und Arbeitsweisen haben, weil sie daran interessiert sind, bestimmte kulturelle Stränge sichtbar zu machen (Sheela Gowda oder Bill Kouélany). Aber genauso muss man registrieren, dass Künstlerinnen wie Lee Lozano oder Ines Doujak besonders radikale Positionen formulierten.
HNA 29. 8. 2007
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