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Hier roter Mohn, dort bitterer Reis
Eine Bilanz der documenta 12
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Der Kunstsommer ist zu Ende. Die Mohnpflanzen auf dem Kasseler Friedrichsplatz sind verwelkt. Doch einzelne Blüten erinnern noch an das rote Farbenmeer, das in der zweiten Julihälfte Natur- und Kunstfreunde gleichermaßen begeisterte. Ja, trotz anfänglicher Skepsis hat die Idee von Sanja Ivekovic funktioniert, die den Platz in ein Bild verwandeln wollte, das erzählt, wie der Traum von einer Revolution aufblüht und greifbar wird und schließlich vergeht. Anders die Reisterrassen von Sakarin Krue-On unterhalb von Schloss Wilhelmshöhe. Sie blieben als Bild nur eine Idee und illustrieren die Tatsache, dass nicht alles Wünschbare machbar ist. Das Projekt hinterließ einen bitteren Nachgeschmack. Eben genau zwischen diesen beiden Polen, zwischen faszinierendem Gelingen und genialem Scheitern, bewegte sich die von Roger Buergel und Ruth Noack gestaltete documenta 12 insgesamt. Die Doppelgesichtigkeit wurde zum Symbol der ganzen Ausstellung: Ai Weiweis eingestürzte und zum Mahnmal gewordene Skulptur „Template“ steht ebenso dafür wie der Aue-Pavillon, der alles andere als ein Kristallpalast wurde und dennoch im Innern als neuartiger Ausstellungsraum überzeugte.
Am Ende überwiegt der positive Eindruck. Nicht etwa, weil ein neuer Besucherrekord erreicht wurde. Der ist ein erfreulicher Nebeneffekt. Vielmehr deshalb, weil sich das Gros der Besucher dazu verführen ließ, aus einem neuen Blickwinkel auf die zeitgenössische Kunst zu schauen. Denn anders als die Biennale in Venedig ließ die documenta 12 die Platzhirsche des Kunstbetriebs außer Acht. Denn was wäre gewesen, wenn die Ausstellung mit vertrauten Namen die gültigen Maßstäbe bestätigt hätte? Dann hätte sie sich überflüssig gemacht.
Ins Zentrum rückten stattdessen Werke, die vor 30 oder 40 Jahren für Aufsehen gesorgt hätten, wären sie damals international gewürdigt worden. Darin liegt vielleicht das größte Verdienst von Noack und Buergel, dass sie eine Neufassung der jüngsten Kunstgeschichte zwingend machen. Die Globalisierung der Moderne ist, so lernten wir, viel älter, als bisher die meisten vermuteten. Diese Geschichtskorrektur liefert vielleicht auch eine Erklärung für die teilweise vernichtende Pressekritik. Denn die neue Standortbestimmung empfinden viele als Angriff auf ihr Selbstverständnis. Die andere Erklärung liegt in der positiven Vorausberichterstattung. Das musste Widerspruch herausfordern. Die documenta 12 rückte manches zurecht. Die Malerei und die Zeichnung wurden als kraftvolle künstlerische Techniken wiederentdeckt, die sich neben Film, Video und Installationskunst behaupten. Vor allem aber lernten wir, dass die abstrakt-konstruktiven Formen der Moderne auch außerhalb unseres Kulturkreises tiefe und vielfältige Wurzeln haben.
Die documenta 12 hat ein neues Raum- und Farbgefühl vermittelt, und die Kunstwerke erwiesen sich als so robust, dass sie sich auch unter diesen Bedingungen behaupteten. Am überzeugendsten ist das im Museum Fridericianum gelungen, in dem Noack und Buergel hinter der großartigen Raumskulptur von Iole de Freitas mit den Bildern von Lee Lozano und Gerhard Richter einen Weiheraum der Malerei schufen. Drei Leitmotive waren der Ausstellung vorangestellt: Ist die Moderne unsere Antike? Was ist das bloße Leben? Was tun? Damit war die documenta 12 als politische Ausstellung definiert. Auf hervorragende Weise lösen das Arbeiten wie Andreas Siekmanns Karussell auf dem Friedrichsplatz (Die Exklusive) oder Ines Doujaks „Siegesgärten“ zur Biopiraterie ein.
Zu den Eigenwilligkeiten gehört, dass einige Künstler als Wegmarken die Besucher durch die Ausstellung begleiten. Ihre Werke tauchen immer wieder auf. Im Fall von Mira Schendel, Kerry James Marshall und Nasreen Mohamedi erweisen sich die Mehrfachbegegnungen als erhellend. Bei Juan Davilas aufdringlichen Gemälden allerdings provoziert die Häufung Überdruss. Da hätte man sich doch lieber einige weitere Beispiele für Malerei gewünscht.
HNA 22. 9. 2007
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