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Heiteres Spiel mit den Bildern
Gerhard Rühm und Endre Tót in der Kunsthalle Fridericianum
Vor drei Jahren hatte René Block in der Kasseler Kunsthaile Fridericianum einen Uberblick über die Fluxus-Kunst seit 1962 gegeben. Unter den damals eingeladenen Künstlern waren der Ungar Endre Tót (Jahrgang 1937) sowie der aus Wien stammende Gerhard Rühm (Jahrgang 1930). Beide werden jetzt in einer Doppelausstellung ausführlicher vorgestellt.
Der Begriff Fluxus steht für das Fließende, für den Übergang von einer Form in die andere. Dementsprechend mischen sich in der Fluxus-Kunst Sprache, Klang, Musik, Bild und Aktion. Gerhard Rühms Werk ist beispielhaft für solche Grenzüberschreitungen. Er studierte Musik, profilierte sich aber als Mitbegründer der „Wiener Gruppe“ als ein Autor, der mit der Sprache so stark experimentierte, dass aus den gezeichneten, geschriebenen und gedruckten Wärtern Bilder (visuelle Poesie) wurden.
Die Ausstellung, die mit „weit weg und ganz nah“ einen Bildtitel übernommen hat, führt vor, wie Rühm die Möglichkeiten, aus dem Text ein Bild zu entwickeln und von da eine Brücke zur Musik zu schlagen, ausgetestet hat. Von der Textcollage kam er zur Zeichnung, die das Wort zum Bild auswachsen lässt. Dann wieder ließ er Sätze zu Notationen werden oder zerschnitt Bilder in Versformen.
Was dabei entstand? Es sind neue, poetische Bilder, die die Texte beim Wort nehmen, ihren Sinn hinterfragen und neue Gedankenverbindungen herstellen. Die radikale Umformung gibt sich aber heiter und spielerisch.
Auch Endre Tót spielt mit den Wörtern und Bildern. In immer neuer Form belegt er die Botschaft des Ausstellungstitels: „Semmi sem Semmi “ - was soviel heißt wie „Nichts ist nicht Nichts“. Tót interessiert die Verneinung. Da, wo andere Bilder suchen, bevorzugt er die Leere. Die Null (zero) hat er sich zum Leitsymbol erkoren. Doch je intensiver er das Nichts, die Leere und die Abwesenheit darstellt, desto mehr füllen sich die Wände mit wirklichen Bildern.
Auf diese Weise entsteht eine hintergründige, humorvolle Ausstellung. Haben wir uns als Besucher erst einmal damit abgefunden, dass wir da, wo die Bildbeschriftungen uns „Die nackte Maja“, Kennedys Ermordung oder Christi Himmelfahrt ankündigen, nur leere Flächen sehen, beginnt die Phantasie zu arbeiten. Unwillkürlich beginnt man, die schwarze oder blaue Fläche mit Bildern zu füllen.
Endre Tót hat die Konzepte für diese erfrischende Auseinandersetzung mit der Kunst bereits Anfang der 70er-Jahre entwickelt, als er in Ungarn in der Isolation lebte. Erst in den letzten 20 Jahren konnte er seinen verschwundenen Bildern eine reale Gestalt geben. Die Ausstellung entlässt die Besucher schmunzelnd, froh gestimmt und auch nachdenklich. Denn Tót stellt auch viele Bezüge zur Sprache und Philosophie sowie zur Geschichte der modernen Kunst her. Die schwarzen Bilder sind schließlich auch eine Antwort auf die konkrete und konzeptuelle Kunst, die zuletzt das Bild verweigerte. Diese Zuspitzung wird beim Wort genommen.
HNA 18. 3. 2006
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