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Kunsthalle vor dem Aus
Der Kunsthallenbetrieb im Kasseler Museum Fridericianum kann wahrscheinlich doch nicht
starten: Im städtischen Etat gibt es keine Dekkung für das Ausstellungsprogramm.
Die Schreckensvision, die documenta-Geschäftsführer Bernd Leifeld beschrieben hat, droht sich zu erfüllen: Am Samstag kommender Woche wird um 17 Uhr von Kassels Oberbürgermeister die Ausstellung „Echolot“ im Museum Fridericianum eröffnen und ab Sonntag bleibt die Ausstellung geschlossen, weil kein Geld für die Aufsichtskräfte da ist.
Die Kunsthalle im Fridericianum steht vor dem endgültigen Aus. Dabei sollte am Samstag mit dem Kunsthallenprogramm ein neues Kapitel aufgeschlagen werden: Im vorigen Sommer hatten das Land Hessen und die Stadt Kassel als gemeinsame Träger den internationäl gefragten Ausstellungsmacher René Block als Kunsthallendirektor gewinnen können, der erstmals für das Fridericianum ein Vier-Jahres-Programm entwickelte. Blocks Gehalt könnte zwar gezahlt werden, doch dürfte er, wenn es bei der Haushaltsentscheidung bleibt, sich keine Projekte ausdenken, die Geld kosten.
Die Situation ist bekannt: Ende 1996 haben das Land Hessen und die Stadt Kassel beschlossen, zwischen den documenten im Fridericianum einen Kunsthallenbetrieb auf hohem Niveau aufzuziehen. Jede Seite wollte jährlich 1,05 Millionen Mark geben. 800 000 Mark von den insgesamt 2,1 Millionen Mark werden für die Vor- und Nachbereitung der documenta gebraucht, 685 000 Mark für Sach- und Personalkosten der Kunsthalle und 615 000 Mark für den Ausstellungsbetrieb. Die Stadt Kassel billigte diesen Ansatz, hatte im eigenen Etat statt der 1,05 Millionen Mark aber nur 625 000 stehen. Die Bereitstellung der zusätzlichen 425 000 Mark wurde von allen Verantwortlichen zugesagt - mit dem Vorbehalt, daß eine Deckung gefunden werde.
Diese Deckung ist bis zur Stunde nicht da. Am Montag soll der städtische Haushalt verabschiedet werden, für den insgesamt ein Kürzungsvolumen in Höhe von 24 Millionen Mark zwischen den Koalitionsparteien SPD und Bündnisgrünen verabredet wurde. Jetzt ist die SPD bereit, den Haushalt auch ohne die 425 000 Mark zu genehmigen und damit die Kunsthalle zu kippen. Die Grünen hingegen ringen noch am Sonntag in einer Sondersitzung darum, ob sie eine Deckung für die 425 000 Mark finden oder ob sie auch das Ende der Kunsthalle in Kauf nehmen oder wegen der Kunsthallenfrage den Etat ablehnen und damit die Koalition im Kasseler Rathaus platzen lassen.
Bliebe es bei dem gekürzten Haushaltsansatz der Stadt (im Moment sieht alles danach aus), würde automatisch das Land Hessen seinen Anteil um 425 000 Mark reduzieren. Das aber hätte zur Folge, daß, wie Bernd Leifeld vorrechnet, nicht nur das Geld für die Umsetzung der Ausstellungsplanung fehlte, sondern auch die Vorbereitung der documenta XI (2002) gefährdet würde. So gäbe es keine Basis für die Arbeit einer Findungskommission, die ab Mitte April die Auswahl der nächsten documenta-Leitung betreiben soll.
Bis zuletzt stand auch die Zukunft des Kasseler Staatstheaters auf dem Spiel. Zusätzlich zu der verabredeten Kürzung in Höhe von 400 000 Mark sollte noch eine Million Mark gestrichen werden. Offensichtlich erzielte die Drohung des neu gewählten Intendanten Christoph Nix die erhoffte Wirkung, daß er nicht kommen werde, wenn ihm auch die eine Million versagt würde: Für 1998 soll es bei den 400 000 Mark bleiben und 1999 sollen lediglich weitere 50 000 Mark abgezogen werden. Damit soll Nix signalisiert werden, daß man ihn wirklich haben will, aber über weitere Kürzungen später mit ihm direkt reden will.
Kommentar
Das Ende erreicht
Viel Ehre für die Kunst: An ihr hängt es, ob die Kasseler Stadtverordneten am Montag den städtischen Haushalt billigen oder ob die rot-grüne Koalition platzt. Birgt denn die Kunst so viel Sprengstoff, daß sie über das finanzielle Schicksal einer Großstadt und die politische Zukunft einer Rathaus-Mehrheit entscheiden kann?
Schön wäre es, wenn in der documenta-Stadt die Kunst eine solche Wirkung zeitigen würde. Aber leider ist es nicht so. Deshalb befinden wir uns auch keineswegs in einer tragischen Situation, in der das Ausstellungsprogramm die Finanzierungsgrundlage für den städtischen Haushalt in Gefahr bringen würde. Das Ende der Fahnenstange ist aus ganz anderen Gründen erreicht: Ohne über die Folgen nachzudenken, haben die Politiker die Kunsthalle im Museum Fridericianum auf den Weg gebracht, haben einen hochrangigen Ausstellungsmacher nach Kassel gelockt und ihn zu einer Arbeit ermuntert, die man nun nicht finanzieren kann oder will.
Es wäre vor zwei, drei Jahren nachvollziehbar gewesen, wenn man sich aus Finanzgründen von der Kunsthalle in Kassel verabschiedet hätte. Dann hätte das Land Hessen die Staatlichen Museen mit der Bespielung des Fridericianums beauftragen können.
Man tat das Gegenteil: Noch vor wenigen Wochen wiesen die Verantwortlichen das Ansinnen zurück, zwei Jahre lang im Fridericianum die Antiken zu zeigen, die während des Umbaus von Schloß Wilhelmshöhe ausziehen müssen. Die aktuelle Kunst, so das Argument, müsse Vorrang haben. Hätte man sich doch so unmißverständlich zu der Zeit um eine Deckung der hochfliegenden Pläne bemüht.
Es soll hier gar nicht von dem ehrgeizigen Vorhaben die Rede sein, das René Block für Kassel entwickelt hat. Der Schaden, der durch dieses unverantwortliche Manövrieren entsteht, ist immens: Kassel verabschiedet sich in den documentalosen Jahren aus der Kunst. Noch stärker ins Gewicht aber fällt, daß unter diesen Voraussetzungen kaum ein qualitativ guter Kandidat für die documenta gefunden werden kann. Wer wollte denn den Versprechungen noch glauben?
HNA 14. 3. 1998
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