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Alles gewinnt tiefsinnige Bedeutung
Ausstellung Alfons Mucha im Fridericianum
Szenenwechsel im Kasseler Museum Fridericianum: Nach einer zuletzt unterkühlt-kargen Ausstellung ist nun im ersten Obergeschoß eine opulente Schau zu besichtigen. Es gibt viel zu sehen und viel zu erleben. Die unterschiedlichsten Interessen und Gefühle werden geweckt. Der mit dem Etikett Jugendstil behaftete Maler und Plakatgestalter Alfons Mucha (1860-1939) ist neu zu entdecken.
Das heißt nicht, dass mit der Kasseler Schau eine Mucha-Renaissance eingeleitet werden sollte. Einerseits bedürfte der Plakatgestalter Mucha einer Wiedergeburt gar nicht, da seine Popularität bis heute ungebrochen ist. Andererseits ist das Hauptwerk dieses tschechischen Künstlers kaum so angelegt, dass es direkt in die aktuelle Kunstdiskussion hinein zielen könnte. Und doch hält die in Zusammenarbeit mit derGalerie der Hauptstadt in Prag entwickelte Ausstellung auf mehreren Ebenen einige Überraschungen bereit.
Das fängt mit der Inszenierung an. Veit Loers und seine Mitarbeiter haben ein äußerst sinnliches Konzept für die Ausstellung erarbeitet. Die Räume wurden neu – im Wechsel von Weite und Intimität – gegliedert, und der Rundgang endet in einem bühnengerechten Jugendstil-Café. Im Zentrum stehen natürlich die drei Riesenformate (610×810 cm) zum „Slawischen Epos“. Diese in ihrer Kompositionsfülle unerschöpflichen Gemälde können sich in der Rotunde und in dem zentralen Saal würdig entfalten. Überragende Kraft gewinnt vor allem das erste Bild, die nachtblaue Szenerie „Die Slawen in ihrer Urheimat“, aus der zuerst die im Vordergrund hockende, weiß gewandete Urmutter und ihr Kind herausleuchten.
In dem zwischen 1911 und 1928 entstandenen 20-teiligen „Slawischen Epos“ hat Mucha seine religiösen Gefühle ebenso verarbeitet wie seine nationalen Sehnsüchte. Er griff dabei auf die Stilmittel des 19. Jahrhunderts zurück und verwob sie mit seinem Bildprogramm, das er aus seinen Jugendstil-Plakaten entwickelt hatte.
Die Riesengemälde faszinieren partienweise, stoßen dann auch ab. In ihnen lebt die platte Heiligenmalerei des 19. Jahr hundert wieder auf; einige Bilder erdrücken aber auch mit heldischen Posen, die die nationalistische Kunst unseres Jahr hundert kennzeichnen. Sie sind gegen den Gang der Kunst gemalt, aber behaupten sich als Zeugnisse jener Zeit des Umbruchs.
Die künstlerischen Überraschungen bergen die Zeichnungen (vornehmlich mit Kohle und Pastellfarben ausgeführt), die kurz nach der Jahrhundertwende entstanden. Man weiß nicht genau, vor welchem Hintergrund Mucha diese Blätter schuf - ob er größere Arbeiten vor Augen hatte oder ob er sie zur Entlastung seiner eigenen Psyche anfertigte. In den skizzenhaften Zeichnungen offenbart er sich jedenfalls als überraschend moderner und genialer Künstler, der im Umkreis des Expressionismus anzusieeln ist. Alfons Mucha entwickelte sich in diesen Zeichnungen zu einem Künstler am Rande der Abstraktion, der vornehmlich Licht und Schau verteilt und die Figuren knapp umreißt. Diese Visionen von Tod, Trauer und Ruhe scheinen vorwegzunehmen, was Jahre später bei Kolliwitz und Barlach auftauchte. In anderen Bildern wieder scheint man der zeichnerische Gestus von Munch nahe zu sein.
Kunst muß sich dem Blick erschließen. Aber Muchas Werk läßt sich über weite Strecken nur begreifen, wenn man sich intensiv auf seine Gläubigkeit und sein komplexes Verständnis von Figur und Ornament einläßt. Insofern gibt der Kat log (160 S., 35 DM, Verlag Weber & Weidemeyer) wichtige Hilfestellungen. In ihm findet man neben den Werkabbildungen wesentliche Aufsätze zur Bedeutung von Mucha und seinem Werk. Insbesondere Veit Loers‘ Beitrag „Alfons Muchas gnostische Botschaft‘ erleichtert den Zugang zu der tiefsinnigen Ornamentik, die in den Illustrationen zum „Vaterunser“ ihren Gipfel erreicht. Nichts ist hier bloß Schmuck, alles hat Bedeutung. Der Glauben, die Schöpfung und das Weltverständnis werden durch die Illustrationen in ein geschlossen System eingebettet.
Vielleicht liegt genau darin der Reiz der Kasseler Ausstellung: Der Maler und Gestalter Alfons Mucha läßt sich nicht auf einen schlichten Nenner bringen, sondern fordert mit seinen Widersprüchen heraus. Hier kann jeder seinen eigenen Zugang zu Mucha entdecken.
HNA 6. 7. 1989
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