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Wiegeschritt als Bewegungsmuster
„Nachtschattengewächse“ heißt der geheimnisvolle Titel einer neuen Ausstellung im Kasseler
Museum Fridericianum. Es geht um Kunst, Ironie und Widerstand.
In seinem Katalog- Beitrag erinnert Kunsthallenleiter Veit Loers an das Tanz-Diagramm für den Tango und an den Wiegeschritt, um zu verdeutlichen, daß auch in der Kunst die Entwicklung nicht nur in einer Richtung verlaufe, sondern tänzelnd hin- und hergehe. Dergleichen läßt sich aber auch in Bezug auf die Ausstellungspolitik behaupten. Es gehört geradezu zur Dramaturgie von Ausstellungsmachern, daß sie nicht jeweils das Hin und Her der Kunst dokumentieren, sondern meist eine Position zugespitzt vorstellen. Veit Loers selbst praktiziert das in diesem Jahr konsequent:
Mit der Ausstellung „Shapes and Positions“ zog er sich im Februar auf die Avantgarde-Linie der 60er und 70er Jahre zurück und bekräftigte sein Bekenntnis zur stillen, minimalistischen Kunst. Es war sozüsagen die erste Reaktion auf die schrillen, schmerzhaften und auch heiteren Töne der documenta 9. Nun aber vollzieht er selbst den Wiegeschritt und stellt unter dem Titel „Nachtschattengewächse“ Werke und Räume von Künstlern vor, die aus der Reihe tanzen, die ironisch und subversiv arbeiten, Gift verspritzen und am Ende so die Kunst bereichern.
Zelebrierte „Shapes and Positions“ die Moderne in eingefrorener Musealität, bergen die „Nachtschattengewächse“ (trotz feierlicher Präsentation) reichlich Sprengstoff fürs Museum. Ein ansehnlicher Teil der Ausstellung schließt direkt an Hoets documenta-Konzept an und hätte in die Neue Galerie gepaßt, wo die kritische Auseinandersetzung mit dem Museum betrieben wurde: Damien Hirst läßt zwei blutige Rindsschädel zu Betrachtern der aus bunten Punkten zusammengesetzten quadratischen Wandbilder werden. Louise Lawler führt zwei Fotos von leeren Museumsräumen und 30 leere Gläser als Ausstellung vor; die wirklichen Bilder und Kunstobjekte (anderer Künstler) entdeckt man unter drei kleinen Kristallgläsern. Und Thomas Schütte malt und baut Modelle für ein Museum, die wie Kamine und Grabmale erscheinen.
Loers führt keine Schule vor, vielmehr eine bunt zusammen gewürfelte Gesellschaft. Dabei spielt es tatsächlich keine Rolle, ob hier lediglich Arbeiten jüngeren Datums vorgestellt werden oder ob auch wie im Fall von Dieter Roth oder Paul Thek - auf ältere Werke zurückgegriffen wird. Denn dies ist richtig: Wenn Donald Judds Skulpturen noch maßstabbildend sind, dann gilt das auch für den Schimmelhaufen (unter Plexiglas) von Roth. Allerdings ist richtig, daß sich Roths Provokation längst abgeschliffen hat, der Schimmel ist zum ästhetischen Abenteuerspielplatz geworden.
Wer eine Ordnungslinie sucht, scheint verloren. Das eigene Empfinden muß zur Richtschnur werden: Wo fühlt man sich angesprochen und wo herausgefordert? Beispielsweise wirkt Rudolf Stingels riesiger weißer Teppichboden, der wie eine Wandverkleidung angebracht wurde, wie eine Antwort auf Robert Rymans weißes Bild, das in der vorigen Ausstellung im gleichen Raum hing. Andererseits tritt Mario Airös Arbeit „Le Bleu du ciel“ (Das Blaue des Himmels) in einen direkten Dialog mit dem blauen Fahrstuhl-Lichtraum, den. Rainer Ruthenbeck zur vorigen documenta geschaffen hat (und der noch erhalten ist).
Es ist eine anregende und manchmal erheiternde Ausstellung, in der sich die Kunst auf sehr verschiedenen Wirklichkeitsebenen bewegt. Und wenn
- wie in John Millers Spiegel-Arbeit „Echo und Narcissus“ - das Werk von Pistoletto durchscheint, dann nimmt man es ebenfalls mit Humor. Noch eher als die Welt wird hier die Kunst erklärt, wahrscheinlich ein Symptom unserer Zeit.
HNA 26. 5. 1993
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