Vom Verschleiß der Bilder

Parallel zur Ausstellung „120 Meisterwerke“ ist im Kasseler Museum Fridericianum eine Schau mit Bildern des Pop-Künstlers Andy Warhol zu sehen.

Als vor 30 Jahren die Pop-art in den USA ihren Siegeszug antrat, verblüfften die Werke von Andy Warhol und Roy Lichtenstein vor allem deshalb, weil sie trivialste Bildthemen aufgriffen und pointiert im Kunstzusammenhang in Erinnerung brachten – die Bilder der Idole (Marilyn Monroe) auf der einen Seite und der Symbole des Alltags (Suppendosen und Comics) auf der anderen.

Je länger Lichtenstein und Warhol den Verschleiß der Bilder in unserer Medienwelt thematisierten, desto weiter zogen sie ihre Kreise. So dauerte es nicht lange, bis beide auch die Kunst selbst einbezogen. Denn natürlich macht es keinen Unterschied, ob Donald Duck oder Mona Lisa zum flachen Abziehbild wird. Während Lichtenstein die Bildsprache der Klassiker in seine Rastermalerei umsetzte, löste Warhol einzelne Motive aus prominenten Meisterwerken heraus, um sie in zahlreichen Farbvariationen einerseits als strapazierte Schlüsselbilder bewußt zu machen und andererseits zu neuem Leben zu erwecken. Daß Warhols Bildimprovisationen ihrerseits das gleiche Schicksal erleiden sollten (nämlich zu unendlich reproduzierten Abbildern zu werden), hatte der Künstler anfangs wohl nicht geahnt.

Das Kasseler Museum Fridericianum, seit 1988 zwischen den documenten als Ausstellungshalle für die Kunst des 20. Jahrhunderts betrieben, mußte nun (wie berichtet) im ersten Obergeschoß „120 Meisterwerken“ aus der Kasseler Gemäldegalerie während der Sanierung von Schloß Wilhelmshöhe aufnehmen. Trotzdem soll das gegenwartsbezogene Programm reduziert weitergehen. Die Übernahme der von der Kölner Edition Schellmann zusammengestellten Schau mit Warhol-Werken (,‚Art from Art“), die sich mit den Leitbildern der Kunst auseinandersetzen, bot sich da als ein idealer Auftakt an – scheint doch die eine Ausstellung die andere in hervorragender Weise zu kommentieren.

Der Schein jedoch trügt. Wenn Warhol sich Leonardos „Mona Lisa“ oder „Abendmahl“ nähert, wenn er Tischbeins Goethe-Porträt aufgreift oder Munchs „Schrei“, dann improvisiert er über Bildwerke, die hundertfach zu Klischees geworden sind und als solche auch schon wieder ironisiert und karikiert wurden. Die Kasseler Meisterwerke jedoch haben diese abnutzungsträchtige Prominenz (noch) nicht erreicht. Genau dies bescheinigt indirekt die Warhol-Schau den Gemälden.
Dieses widersprüchliche Wechselverhältnis mindert nicht den Wert der Ausstellung. Im Gegenteil, die Warhol-Übersicht wirkt anregend und bereichernd. Vor allem läßt sich an den Zeichnungen sowie zahlreichen Studien zum „Abendmahl“ ablesen, wie intensiv sich Warhol auf die übernommenen Bilder einließ, wie er versuchte, ihren Charakter zu verinnerlichen und ihre Form durch zeichnerische Hervorhebungen und Verkürzungen sowie Farbvariationen zu pointieren. Daß er dabei höchst kritisch vorgehen konnte, dokumentiert das Hauptwerk der Schau, das großformatige „Abendmahl“, das sich gegenüber dem militärischen Tarnfarbenmuster behaupten muß: Die Kriegs-Wirklichkeit überlagert die verbrauchte Kunst. So deutlich ist Warhol in seiner Kommentierung nur selten geworden.

HNA 2. 12. 1994

Schreibe einen Kommentar