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Der Herr der Bilder
Zum Tod von Jean Baudrillard
Wir glauben, die Wirklichkeit im Griff zu haben, sie steuern und für uns nutzbar machen zu können. Der französische Soziologe und Philosoph Jean Baudrillard hielt das für eine Selbsttäuschung. Er war der Meinung, wir hätten noch gar nicht begriffen, dass uns die Realität abhanden gekommen sei. Wir selbst hätten zur Vernichtung der Realität beigetragen. Jean Baudrillard ist jetzt im Alter von 77 Jahren in Paris an den Folgen einer langen Krankheit gestorben.
Baudrillard hatte Germanistik studiert, um Deutschlehrer zu werden. Erst später setzte er sich mit soziologischen und philosophischen Theorien auseinander und kehrte an die Universität zurück. Mit seinen radikalen Thesen wurde Baudrillard zu einem Vordenker der Postmodeme und des Zeitalters, in dem in dem die Bilder der Medien (einschließlich des Internets) wichtiger geworden seien als die Dinge, die sie abbilden.
Ganz gleich, ob in der Politik, in den Medien oder in der Konsumwelt - überall sah Baudrillarduns von Zeichen, Symbolen und Bildern umstellt, die uns die Sicht auf die Wirklichkeit nehmen.
Uber 20 Werke hat Baudrillard veröffentlicht, darunter „Das System der Dinge“, „Requiem für die Medien“ und „Der symbolische Tausch und der Tod“. Seine philosophischen Texte leben vom Widersprüchlichen und haben immer auch eine Nähe zum Poetischen. Baudrillard liebte es, auch auf der sprachlichen Ebene mit den Bildern zu spielen.
Vieles klingt wie ein Abgesang auf die Welt und die von uns hervorgebrachten Bilder. Umso überraschender war vor vier Jahren die Begegnung mit Farbfotografien, die Baudrillard im Laufe der letzten Jahre gemacht hatte. Die Kunsthalle Fridericianum in Kassel präsentierte 1993 rund 100 Fotos, die im Alltäglichen den Zauber der Formen und Farben freilegten. Die Ausstellung dokumentierte, dass eine Geschichte der Farbfotografie nicht ohne den Blick auf Baudrillards Bilder zu schreiben ist. Baudriliard selbst lehnte es ab, seine Fotografien im Licht seiner Theorien zu betrachten. Einerseits erfüllten sie die These, dass die Macht der Bilder größer ist als die Wirklichkeit. Andererseits ließen sie spürbar werden, dass auch für den kritischen Philosophen die die Realität noch Bestand hat.
HNA 8. 3. 2007
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