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Die Farbe im Alltäglichen
Die Ausstellung, die heute in der Kasseler Kunsthalle Fridericianum eröffnet wird, ist eine kleine Sensation: Erstmals stellt der französische Soziologe und Philosoph Jean Baudrillard (Jahrgang 1929), der zu den führenden Denkern der Moderne zählt, in Deutschland seine in 20 Jahren entstandenen Fotografien vor. Den Kennern der Szene war seit längerem bekannt, dass sich Baudrillard einen eigenen Zugang zur Fotografie geschaffen hat. Seit 1986 hat er immer wieder seine Arbeiten in Einzelausstellungen gezeigt.
Wenn man jetzt die rund 100 Aufnahmen im Fridericianum sieht, dann kann man nur feststellen, dass es für die Auseinandersetzung mit der Fotografie geradezu zwingend ist, die Bilder Baudrillards zu kennen. Der Philosoph hat einen überwältigenden Blick für das Alltägliche und Banale. In dem, was wir normalerweise übersehen oder verdrängen, entdeckt er den Zauber der Strukturen und Farben. Sieht man die Bilder, glaubt man, mit Baudrillard würde die Geschichte der Farbfotografie neu geschrieben. So kraftvoll und so satt sind die kontrastierenden Töne selten herausgearbeitet worden.
Jean Baudrillard legt die Farbigkeit der Welt überall bloß. Hier ist es das von Rost zerfressene Eisen, dort sind es die abblätternden Farben an der Wand eines Hauses und da schließlich ist es die Abendsonne, die unter einem Regenhimmel, Häuser beleuchtet.
In einem Text für den Katalog (64 S.., 15 Euro) beschäftigt sich Baudrillard ausführlich mit dem Verhältnis zum Bild. Entschieden verwahrt er sich dagegen, die Bilder mit Bedeutung und Sinn zu befrachten. Er sieht das Bild als eine eigene Fnrm an, die parallel zur Wirklichkeit existiert - ohne die Räumlichkeit, die Tiefe und zeitliche Ausdehnung der realen Objekte zu haben. Das ideale Bild ist für Baudrillard jenes, das sich förmlich von selbst herstellt, das den Fotografen zur Anfertigung des Bildes verführt, ohne dass der gestaltend eingreifen müsste.
In der Rotunde des Fridericianums kann man eine Ahnung davon gewinnen, was Baudrillard meint: Zu sehen sind einige Bilder, die von schräg oben aufgenommen sind und Menschen zeigen, die starke Schatten werfen. Das sind Bilder, die nach unserem Verständnis als solche schon existierten, bevor sie vom Fotografen aufgenommen wurden.
Bei der Komposition dieser Bilder griff Baudrillard eine Technik auf, die in den 20er- Jahren sehr beliebt war. Seine Art der Farbgestaltung verleiht
dieser Technik aber völlig neue Ausdrucksweisen.
Die von Barbara Heinrich organisierte Ausstellung verzichtet auf eine chronologische Ordnung. Die großformatigen Abzüge sind nach Motivgruppen und ästhetischen Gesichtspunkten gehängt. Reine Landschaftsaufnahmen sind selten. In den meisten Fällen bildet Baudrillard Details ab. Es sind die Objekte, die ihn interessieren und deren Farbkontraste ihn faszinieren.
Die Mehrzahl der Bilder hat den Charakter von Stillleben. Es handelt sich um Motive, die erscheinen, als wären sie aus der Zeit herausgelöst. Eine andere Gruppe besteht aus Fotografien, die Strukturen spiegeln: Die Bilder setzen sich aus Feldern zusammen oder werden von prägenden Linien durchzogen.
In der jüngsten Zeit hat Baudrillard auch Fotoserien angefertigt. So ist eine Bilderfolge aus Buenos Aires zu sehen, in der eine beleuchtete Mauer gezeigt wird, vor der Passanten (und deren Schatten) entlang gehen. Man spürt den Ansatz zu einer Erzählung. Dem Menschenbild hat sich Baudrillard nicht zugewandt. Eine Ausnahme stellen einige Selbstporträts dar, die vor dem Spiegel entstanden. Aus dem Dunkel werden Kopt und Körper hervorgeholt. doch das Gesicht bleibt hinter der Kamera und den Händen die sie halten, verborgen. Die Aufnahmen entwerfen das Gegenbild zum Porträt.
HNA 12. 12. 2003
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